Gender und Sprache : "Sprache sollte so sein, dass sich auch Frauen angesprochen fühlen"

Die Uni Leipzig meint mit Professorinnen nun Frauen wie Männer. Horst Simon freut das. Seinen Studierenden stellt er sich längst als Linguistin vor.

Frage: Herr Simon, in der neuen Verfassung der Universität Leipzig ist nur noch von "Professorinnen" die Rede, die Professoren sind mitgemeint. Die Einführung des generischen Femininums wird damit begründet, Frauen hätten an der Uni die Mehrheit. Stellt das nicht die deutsche Grammatik auf den Kopf?

Horst Simon: Ja! Na und? (lacht) – Die Debatte um das generische Maskulinum wird ja seit den siebziger Jahren geführt. Seitdem haben eine Reihe von Studien den Beweis erbracht, dass Menschen im Experiment sich keineswegs auch Frauen vorstellen, wenn von "fünf Professoren" die Rede ist, sondern dass sie eben nur – oder in erster Linie – Männer konzeptualisieren. Wenn man nicht glaubt, dass Männer die Normalos unter den Menschen sind und Frauen nur Sonderfälle, muss man das sprachlich sichtbar machen. Darum ist es sehr erfreulich und mutig, dass die Uni Leipzig es probiert.

Frage: Ein Einwand lautet, dass die Sprache nichts an der Situation der Frauen ändert.

Simon: Die Sprache allein wird an der strukturellen Diskriminierung von Frauen tatsächlich nichts ändern. Aber sie ist ein Mosaikstein. Es macht einen Unterschied, ob für junge Leute sichtbar gemacht wird, dass Frauen auf Professuren sind. Außerdem sollte die Sprache so sein, dass sich auch Frauen von ihr angesprochen fühlen können.

Frage: Den Feministinnen und Feministen wird vorgeworfen, die deutsche Sprache mit ihrem "Quotendeutsch" zu verhunzen.

Simon: Ja mei! Goethe würde sowieso unsere heutige Grammatik als völlig fehlerhaft erleben, wenn ihn das überhaupt interessieren würde, was ich nicht glaube. Es ist ja auch niemand dazu gezwungen, so zu schreiben oder zu sprechen. Aber einfach wie bisher mit dem generischen Maskulinum weitermachen, das wäre doch falsch.

Horst Simon

ist seit 2011 Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zuvor lehrte er am King’s College in London.

Frage: Sie sprechen von sich selbst in Ihren Vorlesungen als "Linguistin". Wie reagieren Ihre Studierenden darauf?

Simon: Sie grinsen und denken hoffentlich nach! Das ist genau, was ich will: Spielerisch und mit Ironie einen sprachlichen Stolperstein setzen, der die Leute dazu bringt, um die Ecke zu denken.

Frage: Viele Leute bringt das Thema aber auf die Palme.

Simon: Das war ja auch bei der Rechtschreibreform so. Gerade Leute, die schon länger aus der Schule raus sind, mögen es nicht, wenn gut gelerntes Wissen entwertet wird und einem so Möglichkeiten genommen werden, sich von schlechter Gebildeten abzuheben. Beim feministischen Sprachgebrauch haben nun außerdem vor allem Männer Angst, dass ihre Pfründe verloren gehen. Das amüsiert mich.

Frage: Hat das Genus-System des Deutschen überhaupt einen gesellschaftlichen Hintergrund? Es heißt ja nicht nur "der Mann", sondern auch "der Antrag".

Simon: In unserem judeo-christlichen Weltbild ist der Standardmensch in der Tat der Mann, die Frau die nachgebildete Sonderform. Diese tradierte Asymmetrie ist dann auch die Ursache für das generische Maskulinum. Das ist in den allermeisten Gesellschaften nicht anders, die ebenfalls männerdominiert sind. Ein generisches Femininum gibt es nur sehr selten, etwa bei einigen Indianersprachen. In manchen Grammatiken finden sich auch Klassifizierungen, die sich auf Mythen zurückführen lassen. So haben die Aborigines in Australien ein gemeinsames Genus für Feuer, Frauen und gefährliche Tiere, ein anderes für Männer, Schnecken und Speisefische. Es gibt aber auch grammatikalische Erscheinungen, die nichts mit der gesellschaftlichen Situation zu tun haben. Das Türkische und das Finnische haben gar kein Genus. Und im Englischen sind die Endungen für die Markierung der Geschlechter im Zuge von zufälligen Lautveränderungen weggefallen.

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