Sozialpsychologe über Hochwasserhilfe : "Helfen wird zum Happening"

Tausende Menschen melden sich während der Flut als Hochwasserhelfer, Helfen wird zum sozialen Event. Der Sozialpsychologe Manfred Bornewasser erklärt diesen Altruismus.
Freiwillige Helfer kämpfen bei Walschleben (Thüringen) mit Sandsäcken gegen den drohenden Dammbruch. ©Michael Reichel/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Bornewasser, viele Städte in Deutschland kämpfen gerade gegen das Hochwasser. Tausende Helfer melden sich und packen spontan mit an. Woher kommt diese große Hilfsbereitschaft?

Manfred Bornewasser: Wenn Leute Not leiden, gibt es generell eine Tendenz, Hilfe zu leisten. Man hat Mitleid und fühlt sich sozial verpflichtet. Möglicherweise kommt diesmal hinzu, dass es ein interessantes Ereignis ist. Die soziale Zusammenkunft spielt eine Rolle, es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl.

ZEIT ONLINE: Ein Hochwasser ist also etwas, bei dem man dabei sein will?

Bornewasser: So eine Katastrophe ist schon so eine Art Happening, ein Social Event. Die Leute fühlen sich zum Helfen verpflichtet, aber sie genießen das auch. Freunde treffen sich am Deich und tun gemeinsam Gutes, das ist ein schönes Gefühl. Statt über Musik findet man über das Sandsackschleppen zusammen.

ZEIT ONLINE: Was weiß die Psychologie über die Motive für altruistisches Verhalten?

Manfred Bornewasser

Manfred Bornewasser ist Professor für Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald.

Bornewasser: Altruistisch bedeutet: Ich tue etwas, ohne selbst einen Vorteil zu haben. Psychologen haben aber gezeigt, dass Hilfsbereitschaft vor allem dann entsteht, wenn das Helfen mit einer Belohnung verknüpft ist.

ZEIT ONLINE: Worin besteht die Belohnung für die Fluthelfer?

Bornewasser: Sie bekommen zum Beispiel soziale Anerkennung und ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Und die Erwartung: Wenn ich in Not bin, wird auch mir geholfen.

ZEIT ONLINE: Spielt es auch eine Rolle, was denjenigen, die Hilfe brauchen, genau passiert ist?

Bornewasser: Menschen helfen vor allem dann, wenn andere ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind. Im Falle einer Naturkatastrophe denken sie: Sowas kann jeden treffen. 

ZEIT ONLINE: Warum kommt es dann immer wieder vor, dass etwa bei einem Übergriff in der U-Bahn niemand hilft, obwohl es viele Zeugen gibt? Eine solche Situation hat das Opfer doch auch nicht verschuldet?

Bornewasser: In Situationen, wo viele da sind, wird häufiger nicht geholfen. Man denkt, dass der andere ja eingreifen könnte. Außerdem verstärkt sich das Nichtstun: Wenn sonst niemand hilft, werten wir das als Hinweis, dass die Not vielleicht doch nicht so groß ist. 

ZEIT ONLINE: Warum tritt dieser Effekt nicht beim Sichern der Deiche und Kuchenbacken für die Flutopfer auf? Potenzielle Freiwillige könnten ebenfalls denken, dass schon genug Leute helfen – aber stattdessen melden sich immer mehr.

Bornewasser: Dadurch, dass wir Organisationen haben, die derartige Hilfe gestalten, wie etwa die Feuerwehr, gibt es eine öffentliche Situation. Jedem ist klar, dass Hilfe gebraucht wird. Das führt dazu, dass Menschen Tee kochen, sich nachts auf den Deich stellen, Sandsäcke füllen und schleppen.

ZEIT ONLINE: In den Hochwasserstädten wurde die Hilfe auch über Facebook organisiert. Welche Rolle spielt das soziale Netzwerk?

Bornewasser: Menschen helfen bevorzugt den eigenen Verwandten und Leuten, die sie kennen. Facebook schafft eine ähnliche persönliche Bindung, wildfremde Menschen finden dadurch zusammen.

ZEIT ONLINE: Was kann man tun, um Hilfsbereitschaft und Zivilcourage zu fördern?

Bornewasser: Wir müssen immer wieder herausstellen, dass Hilfeleistung gewollt ist und unterstützt wird. Dadurch entsteht ein Lerneffekt, die Leute werden ermutigt den ersten Schritt zu machen und zu helfen.

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Schöner Abschluss

Unterschied zwischen Hilfe in der U-Bahn oder bei Naturkatastrophen könnte auch im Unterbewußten liegen.
Stichworte: Nekropheli und Biopheli. Anders: Wird einer Person das Handy entrissen und soll auf dem Boden zerstört werden greift eher ein Aussenstehender ein, als würde die handybesitzende Person tätlich angegangen.
Ein Helfer stellt quasi schneller einen sozialen Bezug zu Sachgegenständen her, als zu ihr völlig fremden Personen.
Dies liegt gewiss nicht nur an persönlichen Lebenserfahrungen.

Könnte im Bildungssystem intensiviert vermittelt werden, dass der Mensch das Schützenswerteste ist, täte dies ganz neue Türen, neue Märkte öffnen. Märkte, auf denen um ein Miteinander konkurriert wird. Klingt nach lustigem Paradox, ist klar.
Allerdings haben sich Staaten dazu bereit zu erklären auf Bildungsebene tiefer zusammen zu arbeiten.
Quasi nicht den technischen Fortschritt allein im Blickwinkel zu haben sondern, auch entsprechende "sozialpsychologische Verhaltensmuster zu vererben".
Aber was rede ich da wieder.
Ist Optimismus eigentlich eine Krankheitsform? ;)

Wie sagt Herr Bornewasser so schön:
"Wir müssen immer wieder herausstellen, dass Hilfeleistung gewollt ist und unterstützt wird. Dadurch entsteht ein Lerneffekt, die Leute werden ermutigt den ersten Schritt zu machen und zu helfen."

Danke für das Interview!

Der falsche Schluss

Ich glaube Sie denken bei Ihrem U-Bahn-Handy-Beispiel in die falsche Richtung, bzw. ziehen den falschen Schluss. Wenn ein solches Subjekt einem Mitbürger das Handy entreißt und zerstören möchte, dann wird Gewalt nicht gegen den Handybesitzer direkt ausgeübt. Also hat man weniger Angst nach dem eigenen Einschreiten ebenfalls eine "gewalttätige Behandlung zu erfahren" :)
Wenn man gegen einen prügelden Jugendlichen einschreitet muss man doch heute Angst haben totgeschlagen zu werden. Hinzu kommt -jetzt mal ganz plakativ gesprochen- wenn man dem jetzt "voll in die Fresse haut", um sicherzustellen, dass er von seinem Tun ablässt, dass man dann selbst vor Strafverfolgung Angst haben muss (da der Rechtsstaat in Deutschland sich langsam selbst ad absurdum führt).

Da haben Sie

meine Zustimmung.
Und tatsächlich hatte ich den Aspekt des Selbstschutzes im Kommentar. Doch wegen der 1500 Zeichenbegrenzung allerdings, kürzte ich den Absatz zu "nicht nur persönliche Erfahrungen".
Doch ist es niemals "nur" das Eine oder Andere. Eher stets ein komplexes Gebilde unterschiedlichster Einflüsse, von denen mancher eben gewichtiger ist.
Sie wissen, wie beliebt zum Beispiel Hunde sind. Rechtlich sind sie eine Sache. Wir sprechen mit unseren Autos, ich küße meine Gitarre etc.
Auf Bahnhöfen und Busstationen schweigen wir uns an.
Was mag das grundsätzlich tiefste Geheimnis von Hilfe sein?
Das Fraktal von Liebe, das sich durch alle Menschen hindurch bildet.
... aber da Liebe auch unvernünftig sein kann, hilft nicht jeder aus dem gleichen Grund.

Übrigens bezieht sich der Kommentar-Titel auf das Schlusswort von Herrn Bornemann. Darum das Zitat am Kommentarende.

Wäre es denn nicht auch konseqent

Klamotten zu entwerfen mit speziellem Hochwasserlook dazu die passenden highwater-boots ? Mit "geilen" Clips auf Youtube und speial offers von Zalando?. Ich möchte mich keineswegs hier über die engagierten Helfer lustig machen, aber dies Eventerei ist mir irgendwie verdächtig. Ist wohl einer Facebook und Party-Kultur geschuldet. Aber irgendwie auch einer komischen Gleichmacherei der Generation I-Phone. Die Welt retten mit Spaßkultur! Why not?!