ZEIT ONLINE: Herr Bornewasser, viele Städte in Deutschland kämpfen gerade gegen das Hochwasser. Tausende Helfer melden sich und packen spontan mit an. Woher kommt diese große Hilfsbereitschaft?

Manfred Bornewasser: Wenn Leute Not leiden, gibt es generell eine Tendenz, Hilfe zu leisten. Man hat Mitleid und fühlt sich sozial verpflichtet. Möglicherweise kommt diesmal hinzu, dass es ein interessantes Ereignis ist. Die soziale Zusammenkunft spielt eine Rolle, es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl.

ZEIT ONLINE: Ein Hochwasser ist also etwas, bei dem man dabei sein will?

Bornewasser: So eine Katastrophe ist schon so eine Art Happening, ein Social Event. Die Leute fühlen sich zum Helfen verpflichtet, aber sie genießen das auch. Freunde treffen sich am Deich und tun gemeinsam Gutes, das ist ein schönes Gefühl. Statt über Musik findet man über das Sandsackschleppen zusammen.

ZEIT ONLINE: Was weiß die Psychologie über die Motive für altruistisches Verhalten?

Bornewasser: Altruistisch bedeutet: Ich tue etwas, ohne selbst einen Vorteil zu haben. Psychologen haben aber gezeigt, dass Hilfsbereitschaft vor allem dann entsteht, wenn das Helfen mit einer Belohnung verknüpft ist.

ZEIT ONLINE: Worin besteht die Belohnung für die Fluthelfer?

Bornewasser: Sie bekommen zum Beispiel soziale Anerkennung und ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. Und die Erwartung: Wenn ich in Not bin, wird auch mir geholfen.

ZEIT ONLINE: Spielt es auch eine Rolle, was denjenigen, die Hilfe brauchen, genau passiert ist?

Bornewasser: Menschen helfen vor allem dann, wenn andere ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind. Im Falle einer Naturkatastrophe denken sie: Sowas kann jeden treffen. 

ZEIT ONLINE: Warum kommt es dann immer wieder vor, dass etwa bei einem Übergriff in der U-Bahn niemand hilft, obwohl es viele Zeugen gibt? Eine solche Situation hat das Opfer doch auch nicht verschuldet?

Bornewasser: In Situationen, wo viele da sind, wird häufiger nicht geholfen. Man denkt, dass der andere ja eingreifen könnte. Außerdem verstärkt sich das Nichtstun: Wenn sonst niemand hilft, werten wir das als Hinweis, dass die Not vielleicht doch nicht so groß ist. 

ZEIT ONLINE: Warum tritt dieser Effekt nicht beim Sichern der Deiche und Kuchenbacken für die Flutopfer auf? Potenzielle Freiwillige könnten ebenfalls denken, dass schon genug Leute helfen – aber stattdessen melden sich immer mehr.

Bornewasser: Dadurch, dass wir Organisationen haben, die derartige Hilfe gestalten, wie etwa die Feuerwehr, gibt es eine öffentliche Situation. Jedem ist klar, dass Hilfe gebraucht wird. Das führt dazu, dass Menschen Tee kochen, sich nachts auf den Deich stellen, Sandsäcke füllen und schleppen.

ZEIT ONLINE: In den Hochwasserstädten wurde die Hilfe auch über Facebook organisiert. Welche Rolle spielt das soziale Netzwerk?

Bornewasser: Menschen helfen bevorzugt den eigenen Verwandten und Leuten, die sie kennen. Facebook schafft eine ähnliche persönliche Bindung, wildfremde Menschen finden dadurch zusammen.

ZEIT ONLINE: Was kann man tun, um Hilfsbereitschaft und Zivilcourage zu fördern?

Bornewasser: Wir müssen immer wieder herausstellen, dass Hilfeleistung gewollt ist und unterstützt wird. Dadurch entsteht ein Lerneffekt, die Leute werden ermutigt den ersten Schritt zu machen und zu helfen.