ZEIT ONLINE: Herr Blackbourn, wie sah Deutschlands Flusslandschaft vor 300 Jahren aus?

David Blackbourn: Es reicht schon, 200 Jahre zurückzugehen. Die Flüsse von damals wären heute nicht wiederzuerkennen. Sie waren breiter und seichter und flossen nicht in einem einzelnen Kanal, sondern verteilten sich über eine ganze Flussebene. An ihren Ufern wuchsen Auenwälder, die heute fast komplett verschwunden sind. Es gab dort mehr Tierarten zu Land und zu Wasser, zum Beispiel Lachse. Die Menschen fischten und jagten kleine Vögel.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Deutschen über die Jahrhunderte ihre Flüsse verändert?

Blackbourn: Die Flüsse wurden einer sogenannten Rektifikation unterzogen. Sie wurden gekürzt und begradigt, um sie zu einem einzigen Strom zu machen. Das Wasser war dadurch für die Landwirtschaft leichter zu nutzen. Außerdem fließt es so deutlich schneller und ohne Hindernisse. Der Fluss wird zudem tiefer, was für den Schiffsverkehr von Vorteil ist. Man kann sagen, dass heute alle größeren Flüsse von Menschen geschaffene Kanäle sind. Das lässt sich schwer rückgängig machen. Während Rhein oder Themse in den letzten 40 Jahren zwar wieder viel sauberer geworden sind, konnte an ihrem künstlichen Korsett kaum etwas geändert werden.

ZEIT ONLINE: Viele Leute fordern, dass den Flüssen wieder mehr von ihrem natürlichen Raum gegeben wird.

Blackbourn: In den letzten Jahren gab es immer wieder Versucheder Renaturierung; zum Teil um Hochwasser zu vermeiden, zum Teil auch aus ökologischen Gründen. Meistens erstickten diese Bemühungen aber im Keim. Die Ironie an der Sache ist, dass man durch die Begradigung der Flüsse Hochwasser vermeiden wollte. Dabei haben sich die Fluten nur flussabwärts verschoben. Als Anfang des 19. Jahrhunderts der Oberrhein begradigt wurde, haben Leute davor gewarnt. In der Folge liefen Mittel- und Unterrhein wie nie zuvor über die Ufer.

ZEIT ONLINE: Gab es entscheidende Phasen für den Umgang mit Flüssen?

Blackbourn: Die Begradigung und Umleitung der Fließgewässer hing eng mit der Staatenbildung zusammen. Anfang des 19. Jahrhunderts förderte Napoléon einige deutsche Staaten, um besser gegen Preußen dazustehen. Als nun größerer, stärkerer Staat konnte dann Baden die Begradigung des Rheins über Hunderte von Kilometern stemmen. Der kanalisierte Fluss wiederum förderte den Handel und schweißte den Staat weiter zusammen. Das passierte in China genauso wie in Deutschland. Erst vor einigen Jahrzehnten sahen Ingenieure in den USA und in Europa ein, dass sie den Flüssen mehr Platz einräumen müssen. Sie versuchten, an manchen Stellen Deiche zu bauen und den Fluss an anderen Stellen kontrolliert überlaufen zu lassen.

ZEIT ONLINE: Wie gut hat das funktioniert?

Natürlich kann man Dresden nicht verschieben.
David Blackbourn, Landschaftshistoriker

Blackbourn: Es ist ein guter Ansatz, die Macht des Flusses zu akzeptieren. Aber mittlerweile sind so viele Menschen an die Flüsse gezogen und haben dort Städte und Industrie errichtet, dass es unmöglich ist, Flutkatastrophen zu vermeiden. Eine langfristige Lösung wäre, die Leute zu entmutigen, in Flutgebieten zu leben. Das wird auch jetzt schon gemacht, in Deutschland und anderswo. Die Leute sollten dort hohe Versicherungssummen zahlen müssen und finanzielle Anreize bekommen wegzuziehen — auch wenn das schmerzhaft ist. 

ZEIT ONLINE: Was soll aus großen Städten im gefährdeten Gebiet werden?

Blackbourn: Natürlich kann man Dresden nicht verschieben. Aber man kann Ebenen in ländlicheren Gegenden fluten. Je mehr Wasser man dorthin verteilt, desto mehr schützt man die großen Städte. Es ist wie immer in der Geschichte: Wie das Wasser genutzt wird, sagt viel über die politischen und sozialen Machtverhältnisse. Gegenden mit Landwirtschaft werden geopfert und Metropolen gerettet.

ZEIT ONLINE: Was müssten wir tun, um Hochwasser zu vermeiden oder besser mit ihnen umzugehen?

Blackbourn: Solange die Flüsse nicht mehr Platz bekommen, lassen sich Hochwasser nicht vermeiden. Es hat schon etwas Törichtes, dass man wieder und wieder in die überschwemmten Gebiete zurückkehrt. Aber viele wollen ihre Heimat nicht verlassen. Ich bin einmal durch das Oderbruch gereist. Die Flusslandschaft dort ist vollkommen künstlich, aber sie sieht wie Natur aus und ist wunderschön. Während der dortigen Flut 1997 hat man immerhin gesehen, dass sich grenzübergreifende Zusammenarbeit lohnt — wären nicht in Tschechien weite Flächen geflutet worden, hätte das Hochwasser Frankfurt an der Oder schwer getroffen.