Der Nacktmull ist inzwischen weltberühmt – für seine Hässlichkeit. Knapp 15 Zentimeter klein, fast kahl und mit unvorteilhaften Schaufelzähnen buddeln sich die schrumpligen Nager mit dem Namen Heterocephalus glaber normalerweise durch Ostafrikas Wüstenuntergrund.

Es sind die inneren Werte, die die Tiere für Forscher attraktiv machen. Denn Nacktmulle spüren kaum Schmerz. Verglichen mit Mäusen leben sie eine halbe Ewigkeit (etwa 30 Jahre). Und vor allem können sie anscheinend keinen Krebs entwickeln.

Diese Widerstandsfähigkeit haben sie Unmengen an Hyaluronsäure zu verdanken, schreibt nun ein Team um Vera Gorbunova im Magazin Nature. Die Biologin forscht an der Universität von Rochester im US-Bundesstaat New York.

Hyaluronsäure – oder Hyaluronan – ist ein wichtiger Bestandteil des Gewebes zwischen den Zellen, der extrazellulären Matrix. Sie wird unter anderem als Faltenfüller und als Behandlung für verschlissene Gelenke beworben.

Nacktmulle produzieren eine besondere Variante  dieser Säure – in Form von Molekülketten, die fünf Mal so lang sind wie die des Menschen oder der Maus. Sie bilden außerdem mehr Hyaluronan und bauen es nur sehr langsam ab. In der Haut, in den Nieren, im Herz und im Gehirn der Nacktmulle fanden die Forscher deshalb große Mengen des Stoffes.

Doch wozu? Hyaluronan reguliert einen Schutzmechanismus, den Gorbunova und ihre Kollegen schon 2009 bei Nacktmullen gefunden hatten: die "frühe Kontaktvermeidung" von Zellen. Sind Zellen zu dicht gepackt, hören sie auf, sich zu teilen. Das schützt im Allgemeinen gegen unkontrolliert wuchernden Krebs.

Hemmungslose Zellteilung? Nicht bei Nacktmullen

Die Nacktmulle treiben die "normale" Kontaktvermeidung aber auf die Spitze. Ihre schüchternen Zellen vermeiden nicht nur allzu enge Massenveranstaltungen. Sie teilen sich bereits dann nicht mehr, wenn sie von einer anderen Zelle nur gestreift werden. Wird eine Zelle künstlich dazu ermutigt, sich hemmungslos zu teilen, zerstört sie sich selbst.

In einer Serie von Experimenten konnten die Biologen nun nachweisen, dass Hyaluronan diese frühe Kontaktvermeidung der Zellen steuert. Solange genug davon da war, bekamen die Tiere keinen Krebs. Es reichte auch nicht, die Kommunikation zwischen dem Stoff und den Zellen zu stören. Nur Nacktmulle, die gar kein Hyaluronan bilden konnten oder die den Stoff sehr schnell abbauten, waren so anfällig für Krebs wie jedes andere Tier.

Der ungewöhnliche Nager könnte damit neue Perspektiven zur Krebsvorbeugung eröffnen, spekulieren die Forscher. Wie und wann, ist allerdings noch unklar. "Die Studie zeigt sehr elegant, dass man nicht nur auf Veränderungen in Tumorzellen starren sollte, sondern auch ihre Umgebung wichtig ist", sagt Hellmut Augustin vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Der Nacktmull bekam seine Gesundheit zufällig von der Evolution in die Wiege gelegt – vermutlich um möglichst flexibel zu sein. Schließlich müssen sich die Tiere im ewigen Dunkel durch sehr enge Gänge quetschen. 

Erschienen im Tagesspiegel