VerträglichkeitNano bedeutet nicht gleich giftig

Nanoteilchen stecken in Socken, Lacken oder Lebensmitteln. Das verunsichert viele Bürger. Doch wirklich gefährlich sind die mikroskopisch kleinen Partikel selten. von Ralf Nestler

Nanopartikel sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob als Zusatz für Sonnencremes oder Rieselhilfe im Backpulver. Doch die Teilchen, die nur Millionstel Millimeter klein sind, sind umstritten. Immer wieder wird über mögliche Gesundheitsschäden diskutiert. Das belegen zahlreiche besorgte Anrufe beim Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Berlin, wo Bürger wissen wollen, ob "Nanosilber-Socken" gefährlich sind und sie diese überhaupt kaufen sollten, berichtete Andreas Luch vom BfR.

Welche Gefahr von den winzigen Partikeln ausgeht, ist eines der Ziele des 2010 gestarteten "Nano-Gem"-Projekts (Nanostrukturierte Materialien – Gesundheit, Exposition und Materialeigenschaften). Nun wurden in Berlin am BfR die wichtigsten Resultate vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass "nano" nicht automatisch "toxisch" bedeutet. Vielmehr hängen mögliche Gesundheitsgefahren nicht nur mit der Größe der Teilchen zusammen, sondern auch mit der Gestaltung ihrer Oberfläche. In dem 6,5-Millionen-Projekt von Industrie, Behörden und Hochschulen wurden stellvertretend Partikel von Siliziumdioxid (SiO2) und Zirkoniumdioxid (ZrO2) untersucht, die etwa in Lacken eingesetzt werden, um diese kratzfester zu machen, sowie Silberpartikel, die in Sportkleidung verwendet werden, um aufgrund der antimikrobiellen Wirkung des Silbers üble Gerüche zu vermeiden.

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Nanopartikel, die über den Mund aufgenommen werden, hatten keine bedeutsamen Giftwirkungen, sagte der Projektleiter Thomas Kuhlbusch vom Institut für Energie- und Umwelttechnik in Duisburg. Dabei machte es keinen Unterschied, ob sie "funktionalisiert" waren oder nicht. So bezeichnen Forscher Partikel, die nicht aus reinem SiO2 oder ZrO2 bestehen, sondern an ihrer Oberfläche weitere chemische Elemente tragen. So sollen bestimmte Eigenschaften erzielt werden, etwa eine bessere Löslichkeit oder mehr Stabilität.

"Allerdings zeigte die Funktionalisierung einen Einfluss bei Versuchen, in denen Partikel eingeatmet oder direkt auf Zellen aufgebracht wurden", sagte der Wissenschaftler. Bei bestimmten Elementverbindungen gab es im Tierexperiment Entzündungen. Anders formuliert: Durch gezielte Oberflächengestaltung kann die Gesundheitsgefahr der Nanopartikel verringert werden. Wobei die "schädlichen" Partikelkonzentrationen deutlich höher waren als das, womit Arbeiter in Industriebetrieben konfrontiert sind, wie Kuhlbusch betonte.

Keine neuen Eigenschaften der Partikel

Im nächsten Schritt wollen die Experrten weiter an der "Gruppierung" der Partikel arbeiten. Das heißt, ähnliche Teilchen werden zusammengefasst und ihre Toxizität untersucht, um irgendwann zu klaren Grenzwerten in der verarbeitenden Industrie zu kommen. Denn es wäre viel zu aufwendig, diese Prozedur auf jeden einzelnen Partikeltyp anzuwenden.

Bis dahin sei man aber keineswegs ahnungslos, sagte Rolf Packroff von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin. "Früher wurde befürchtet, dass Nanopartikel möglicherweise völlig neue Eigenschaften haben und damit gefährlich sein könnten. Doch das ist zum Glück nicht der Fall." Bei gleicher chemischer Zusammensetzung wirken sie ähnlich wie die etwas größeren Mikropartikel. "Wir können vorhandene Daten zur Toxizität nutzen und mit einigen Sicherheitsaufschlägen zu Empfehlungen für Nanopartikel kommen." Wohlgemerkt, an bestimmten Arbeitsplätzen.

Für Konsumenten spielt all das keine Rolle, fügte der BfR-Experte Luch hinzu. Die orale Aufnahme von Nanopartikeln sei unproblematisch. Und das potenziell gefährliche Einatmen sei sehr unwahrscheinlich, schließlich stecken die Winzlinge fest in den verkauften Produkten.

Auch die Silbersocken sind nicht gefährlich. Nur eben ziemlich teuer, wenn man bedenkt, dass die Partikel nach wenigen Wäschen herausgewaschen sind.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. ...stecken die Winzlinge fest in den verkauften Produkten oder werden die nach wenigen Wäschen herausgewaschen?
    Beides geht wohl nicht...

    3 Leserempfehlungen
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    • eluutz
    • 14. Juni 2013 8:48 Uhr

    Wahrscheinlich meint der Autor mit "fest in den verkauften Produkten", dass die Nanopartikel nicht an die Atemluft abgegeben werden. Die mechanische und chemische Belastung bei einem Maschinenwaschgang ist eine deutlich höhere.

    Es ist damit zu rechnen, dass die Bindungen/ Bindemittel, mit denen die Partikel auf der Oberfläche fixiert sind, mit der Zeit zerstört werden. Die Nanopartikel und wahrscheinlich Textilfasern gehen dann in die Waschlauge über.

    Genaues weiss ich auch nicht.

    • OIKOS
    • 15. Juni 2013 1:04 Uhr

    Die (kleinen süßen) Winzlinge (jeder denkt an ein Baby) sollen angeblich fest im Material stecken, werden aber schon nach wenigen Waschgängen herausgewaschen. Das klingt sehr nach Verharmlosungsrhetorik! Ich denke, der ganze Artikel ist ein reines Propagandamanöver der Nano-Lobby!

    • xelo
    • 14. Juni 2013 7:55 Uhr

    Leider sah ich erst später, dass meine Frau einen Leder-Imprägnier-Spray mit Nanoteilchen kaufte. Jetzt steht er hier rum und ich weigere mich beharrlich, dieses Zeug zu benutzen. Für meine Frau, die nicht richtig las, war das eine gute Lehre, künftig auf sowas zu achten.
    Imprägnier-Sprays sind für sich gesehen schon nicht ganz ungiftig wegen der harzigen Aerosole. Aber mit Nanopartikeln?

    Übrigens hatte ich hier neulich Backpulver aus den 60er oder 70er Jahren. Das rieselte ebenfalls noch und der Kuchen war sehr lecker.

    Ich bin der Meinung, dass diese Teilchen im Alltag nichts verloren haben und im Essen oder der Atemluft schon garnicht.
    Fest verbaut oder gebunden in Materialien: Da können wir gern drüber reden und da bin ich gern offen für diese Technik, wenn's denn sein muss.
    Aber sonst? In mir habt ihr da keinen Freund dieser übereilt eingesetzten und noch nicht abschließend überprüften Technik.

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    da würde ich empfehlen heute draußen nicht zu atmen. Die Welt ist voll von Nanopartikeln (Diatomeen, Pollen, einfach einmal bei Wiki suchen), unser Körper deshalb darauf eingestellt. Dass die Industrie damit teils hirnlose Werbung macht (Stichwort: es steht Nano drauf und ist kein Nano drin) ist kein Geheimnis. Aber schlecht, gar giftig ist Nano nicht.

    Ich bin ja auch vorsichtig, aber der Frau eine Lehre erteilen?

    ("Für meine Frau, die nicht richtig las, war das eine gute Lehre, künftig auf sowas zu achten.")

    Da mag man gar nicht wissen wollen, wie es denn um die Ehe bestellt ist.

  2. da würde ich empfehlen heute draußen nicht zu atmen. Die Welt ist voll von Nanopartikeln (Diatomeen, Pollen, einfach einmal bei Wiki suchen), unser Körper deshalb darauf eingestellt. Dass die Industrie damit teils hirnlose Werbung macht (Stichwort: es steht Nano drauf und ist kein Nano drin) ist kein Geheimnis. Aber schlecht, gar giftig ist Nano nicht.

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    http://www.zdf.de/planet-e/Aluminium-die-geheime-Gefahr-27528902.html

    Sicherlich, was uns die Natur präsentiert darauf sind wir eingestellt. Gilt das auch für vom Menschen künstlich erzeugte Produkte, welche immer auch dem Absatzmarkt samt (fadenscheiniger?) Produktverbesserung dient?

    Welche Veränderungen Nanopartikel innerhalb einer Lebenden Zelle, Bakterium usw. erwirken kann, Wissen wir meist erst wenns zu Spät ist!?

    ... dass sie keinerlei Ahnung haben.

    Die angeführten Beispiele (Pollen, Kieselalgen) sind um das etwa 1000-fache größer als der übliche Nanopartikel und liegen im Mikrometerbereich.

    Nanopartikel liegen im Bereich von einigen duzend Atomen und somit ein vielfaches kleiner als eine Zelle oder auch die Zellorganellen. Es ist somit eben nicht ausgeschlossen, dass Partikel dieser Größe unschädlich sind.

    Das wird dann hoffentlich die Studie ergeben.

    • xelo
    • 14. Juni 2013 12:04 Uhr

    Danke für den Hinweis, zu Wikipedia zu gehen, aber ich weiß sehr wohl über Größe von Pollen und Kieselalgen Bescheid.
    Sie anscheinend aber nicht, denn sonst wüssten sie, warum Nanopartikel "Nano" (nm) im Namen beinhalten und nicht "Mikro" (µm).
    Zum Vergleich:
    Ein Nanopartikel hat in etwa die Dimensionen eines Golfballs (bis etwa 100 nm = 0,1µm) im Vergleich zu einer Kieselalge oder einer Polle in Fußballgröße (>2 µm). Dies kann man nicht vergleichen.
    Davon abgesehen sind Pollen und Kieselalgen natürlichen Ursprungs, der an unserer Entwicklung in der Evolution beteiligt war und zu unserer natürlichen Umwelt gehört. Künstlich erzeugte Nanopartikel sind es nicht und weisen teils Eigenschaften auf, die neben der eigentlichen Größe noch andere Risikien für Organismen mitbringen können, indem sie mit anderen Substanzen interagieren (deswegen sind sie ja so beliebt).

    • eluutz
    • 14. Juni 2013 8:48 Uhr

    Wahrscheinlich meint der Autor mit "fest in den verkauften Produkten", dass die Nanopartikel nicht an die Atemluft abgegeben werden. Die mechanische und chemische Belastung bei einem Maschinenwaschgang ist eine deutlich höhere.

    Es ist damit zu rechnen, dass die Bindungen/ Bindemittel, mit denen die Partikel auf der Oberfläche fixiert sind, mit der Zeit zerstört werden. Die Nanopartikel und wahrscheinlich Textilfasern gehen dann in die Waschlauge über.

    Genaues weiss ich auch nicht.

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    Antwort auf "Was denn jetzt..."
  3. Die Antwort auf die Frage, ob Nanopartikel andere Eigenschaften haben als ihre größer dimensionierten Vertreter, lässt sich damit beantworten, dass die Wissenschaft/Wirtschaft an ihnen ansonsten gar kein Interesse hätte und damit meine ich keinesfalls ausschließlich den Werbezweck. Sicher gibt es Aufbauten, die in ähnlichen Dosen genauso unschädlich für den Körper sind, aber welche Wechselwirkung industriell hergestellte Nanopartikel mit anderen Stoffen haben, ist mitnichten vollständig geklärt. Es reicht, wenn diese als Katalysator dienen. Denken Sie beispielsweise an die erhöhte Aufnahme winziger Polymerpartikel durch den Nahrungskreislauf, deren schädliche Wirkung auf die Fruchtbarkeit von Säugetieren vielfach nachgewiesen wurde.

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    Eben. Ich habe vor einiger Zeit selbst an vergleichbaren Experimenten gearbeitet. Die Arbeitshypothese dahinter war, dass die nanostrukturierten Materialien (Nanopartikel, Nanofasern, ...) andere Eigenschaften haben als größer dimensionierte Strukturen, die in dem Fall vorteilhaft genutzt werden sollten.
    Und, ja: abhängig von der Größe ändern sich die Eigenschaften durchaus! Vieles davon ist erwünscht, manches nicht. zB stellte sich im Rahmen der Untersuchungen auch heraus, dass Gold-Nanopartikel in einem bestimmten, recht eng umgrenzten Größenbereich sehr toxisch sind, weil sie in die Zellen aufgenommen wurden und dort mit Zellstrukturen wechselwirken konnten (sowohl unterhalb als auch oberhalb dieses Größenbereichs war das nicht der Fall).
    Diese Erkenntnisse waren allerdings nicht zwingend auf andere Materialien 1:1 übertragbar - also wird wohl kaum etwas anderes übrigbleiben, als möglichst alle Materialien zu untersuchen...

    Sehr interessant. Ian Fleming war seiner Zeit anscheinend voraus. Lange Zeit wurde geglaubt, dass das Ganzkörperpainting vollkommen harmlos sei...
    ;)

  4. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei." Paracelsus

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  5. http://www.zdf.de/planet-e/Aluminium-die-geheime-Gefahr-27528902.html

    Sicherlich, was uns die Natur präsentiert darauf sind wir eingestellt. Gilt das auch für vom Menschen künstlich erzeugte Produkte, welche immer auch dem Absatzmarkt samt (fadenscheiniger?) Produktverbesserung dient?

    Welche Veränderungen Nanopartikel innerhalb einer Lebenden Zelle, Bakterium usw. erwirken kann, Wissen wir meist erst wenns zu Spät ist!?

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    "Die Frankfurter Hebamme Eva Glave hat jahrelang intensiv Deos verwendet. Kürzlich ist sie – im Alter von 32 Jahren – an Brustkrebs erkrankt. Erst im Nachhinein erfährt sie von dem Risiko, dem sie sich über die Deos ausgesetzt hat: Viele Produkte enthalten Alu-Chlor Verbindungen als Wirkstoff. Auf einer internationalen Konferenz im englischen Winchester trifft Schaudinnus Wissenschaftler, die seit Jahren zu Aluminium forschen. Etwa die Onkologin Philippa Darbre, welche zahlreiche Studien zum Risiko von Alu-haltigen Kosmetikprodukten veröffentlicht hat. „Das Aluminium scheint in der Lage zu sein, eine gesunde Brustzelle in eine Krebszelle umzuwandeln“, warnt sie"

    Was für ein lächerlicher Artikel. Wie die meisten Dokus über all die brisanten Themen unglaublich schlecht recherchiert und unwissenschaftlich angegangen, oder was wahrscheinlicher ist, absichtlich die Ängste und Vorurteile der Zuschauer bedient, sonst schaltet ja keiner rein. Wenn ich nur an diese miserable Doku über Energiesparlampen oder das Märchen über Monsanto denke ist gleich wieder Fremdschämen angesagt.

    Am Ende muss man dann noch lesen dass die Doku-Reihe einen Preis für ihr "hohes journalistisches Niveau" erhalten hat...

  6. "Und das potenziell gefährliche Einatmen sei sehr unwahrscheinlich, schließlich stecken die Winzlinge fest in den verkauften Produkten."

    Diesen Satz kenne ich doch noch aus den 70er Jahren. Was hat man damit noch mal beworben? Ascorbinsäure? Asternpollen? Asbest?

    "Denn es wäre viel zu aufwendig, diese Prozedur auf jeden einzelnen Partikeltyp anzuwenden."

    So ähnlich ist man damals bei Kunststoffen und den darin enthaltenen chemischen Verbindungen vorgegangen. Aber Bisphenol A schmeckt ja auch sehr lecker.

    "Früher wurde befürchtet, dass Nanopartikel möglicherweise völlig neue Eigenschaften haben und damit gefährlich sein könnten."

    Hö? Die haben völlig neue Eigenschaften. Sonst würde man sie ja nicht verwenden. Die wesentlich kleinere Dimension und die damit einhergehende Zellgängigkeit ist die eine Sache; das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen und die daraus resultierenden Änderungen in der Physik und Chemie der Stoffe eine andere.

    Man kann das sogar sehr schnell und endgültig überprüfen. Man kippe einen Haufen Milchpulver in die Zimmermitte und lasse ein Streichholz darauf fallen. Anschließend wiederholt man den Versuch, verteilt das Pulver aber vorher mit einem Föhn gleichmässig im Raum.

    Sayonara.

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  • Schlagworte Nanotechnologie | Silber | Industriebetrieb
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