Fossiles Primatenskelett : Ein Urahn, so alt und anders wie keiner zuvor

Mit "Archicebus achilles" fügt sich die frühe Evolution von Primaten und Menschen. Ein fast vollständiges Skelett des Affen ist 55 Millionen Jahre alt.

"Oh Gott, es ist ein Primat!" Ni Xijun von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking erinnert sich noch gut an den wohligen Schrecken, dem ihm das Fossil einjagte. Rasch sei ihm klar gewesen, dass es an ihm läge, Geheimnisse und Bedeutung dieser versteinerten Knochen offenzulegen. Ein Jahrzehnt dauerte die akribische Untersuchung, nun steht fest: Der winzige Fund aus der chinesischen Provinz Hubei nahe dem Yangtze-Fluss birgt Großes.  

Mit 55 Millionen Jahren sind die Überreste des Primaten nicht nur das älteste bislang gefundene Skelett eines solchen. "Bisher hatten wir keine Vorstellung davon, wie die frühen Affen überhaupt aussahen", sagt Ni. Zudem legt das Fossil einen bislang unbekannten Ast im Stammbaum der Primaten frei. Damit liefert es entscheidende Einblicke in deren Evolution. Ein Fund, von dem die meisten Paläoanthropologen nur zu träumen wagen.

Ihre Entdeckung tauften Ni und seine Kollegen Archicebus achilles. Der erste Teil des Primatennamens leitet sich ab vom griechischen "arche" für Anfang und dem lateinischen "cebus", was soviel wie "Affe mit langem Schwanz" bedeutet. Für den zweiten Teil ließen die Knochen-Liebhaber ihre Kreativität spielen. Denn der ist auf den griechischen Helden Achilles zurückzuführen, bekannt für seine anfällige Ferse, und soll auf die ungewöhnliche Anatomie von Archicebus‘ Fußgelenk hinweisen.

"Es ist sehr ungewöhnlich, ein ganzes Primatenskelett zu finden", sagt der Paläoanthropologe Fred Spoor vom Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Meist stießen Forscher auf einzelne Zähne oder Knochen, bei denen unklar sei, ob sie zu einem Individuum gehören. "Hier aber haben wir schöne Fossilien, die uns ein gutes Bild von der Biologie und Lebensweise dieses Primaten geben."

Virtuell lebendig

Für die Analyse der Fossilien brauchte es zunächst aber Geduld und Fingerspitzengefühl. Die versteinerten Knochen von Archicebus sind äußerst fragil und waren aufgrund ihrer geringen Größe nur schwer vom umliegenden Gestein zu trennen. Daher erstellte das Team um Ni eine dreidimensionale, digitale Rekonstruktion der Überreste an der European Synchrotron Radiation Facility in Grenoble. "Die Röntgen-Methode erlaubt es, die Fossilien noch im Gestein en détail zu studieren", sagt Paul Tafforeau, der sich an dem Institut mehrere Jahre lang auf das Verfahren spezialisiert hat. Es würden Mikrostrukturen entdeckt, für die sonst Teile der Exemplare zerstört werden müssten. "Das Skelett wird virtuell lebendig", sagt der Paläoanthropologe.

Die Rekonstruktion erlaubt Einblicke in das einstige Dasein von Archicebus. Mit maximal 30 Gramm war das Tier ein echtes Leichtgewicht. Mit seinem schmächtigen, rund zehn Zentimeter großen Körper und dem 13 Zentimeter langen Schwanz kletterte der wendige Winzling zu Zeiten des Eozäns tagsüber munter durch die Bäume. Er hatte lange Hinterbeine und große Füße, die vorderen Gliedmaßen hingegen waren verhältnismäßig kurz. Zahnanalysen zeigten, dass auf dem Speiseplan des Primaten vor allem Insekten gestanden haben.

Doch es ist nicht das niedliche Erscheinungsbild, das Ni Xijun und seine Kollegen in Verzückung versetzt hat. Mit Archicebus könne ein Schlüsselereignis in der Evolution erklärt werden, schreiben die Forscher in ihrer Studie im Magazin Nature. "Der Fund ist ein großer Schritt auf dem Weg, den Verlauf der frühesten Phase der Evolution von Primaten und Menschen nachzuzeichnen", sagt Ni. Es geht um die Aufspaltung der Trockennasenaffen in Tarsiiformes und Anthropoidea, der eigentlichen Affen.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Immer wieder faszinierend...

...was man in ZO, in "Nature", "Geo" und anderen Zeitschriften etc. so findet. Da werden sonderbarste Funde 1:1 als Herkunft des Menschen betitelt. Wie stark muss der GLAUBE an die (propagierte) Evolution sein? Ich nehme das zur Kenntnis. Solange keine erforschten Zusammenhänge oder auch nur ordentliche Indizien auftauchen bleibe ich nach wie vor ein (an pseudo-wissenschaftlich) Nicht-Evolutions-Gläubiger "Kreationist"(-Gläubiger).

Immer einer Frage des Maßstabs

Ihr Satz, der mit "Solange keine erforschten Zusammenhänge oder auch nur ordentliche Indizien auftauchen" anfängt, lässt eines aus:

Egal wie gut oder schlecht Sie die Belege für die Evolution finden: Es gibt keine konkurrierende Theorie, für die überhaupt irgendwelche handfesten Belege sprechen (zumindest ist derlei nicht publiziert).

Mit anderen Worten: Wenn Ihnen die vorhandenen Belege nicht ausreichen, müssen Sie konsequenterweise völlig agnostisch sein. Und zwar nicht agnostisch im Sinne von "Beides ist gleich wahrscheinlich" (dafür ist die Beleglage zu unterschiedlich) sondern am ehesten agnostisch im Sinne von "ich möchte nichtmal die Wahrscheinlichkeit beurteilen, dass die eine oder die andere Erklärung nun stimmt (oder der Wahrheit zumindest nahe kommt)".
Da Sie die Frage nach der Entstehung des Menschen im Alltag nicht beantworten müssen, können Sie sich ein solche Einstellung freilich leisten.

Sie deuten zwischen den Zeilen ein religiöses Weltbild an. Wenn Sie an dieses die gleichen Maßstäbe anlegen, müssen Sie wohl eingestehen, dass es dafür erst recht "keine erforschten Zusammenhänge oder auch nur ordentliche Indizien" (Ihre Wortwahl) gibt.

Das kommt darauf an, wie weit man zurückgeht

Wenn Sie die Abspaltung der Spezies Mensch von den nächsten heute lebenden Verwandten meinen, haben Sie freilich Recht. Wenn man in "Die Entwicklungsgeschichte des Menschen" aber auch frühere Vorfahren (wie Archicebus achilles) einbezieht, ergibt die Zuordnung zu den heutigen Kontinenten recht bald keinen Sinn.

Schließlich ist die Verzweigung in Primaten und andere Affen auch nur ein Schritt, wie die Abspaltung der Säugetiere von den anderen Wirbeltieren oder die Abspaltung der Tiere von den sonstigen Lebewesen oder die Abspaltung der Mehrzelilgen von den sonstigen Tieren usw.

Hier einen Bezug zur geografischen Verteilung menschlicher Kulturen herstellen zu wollen, wirkt jedenfalls reichlich willkürlich.