DatenspionageDie Kabel-Krake, die alles weiß

Seit jeher herrschen die Briten über unsere Kommunikation. Die Masse des Datenverkehrs läuft auch heute an ihnen vorbei – durch transatlantische Seekabel. von 

Ein Laubbaum aus den damals britischen Kolonien in Ostasien spielt in der Geschichte der Telekommunikation eine entscheidende Rolle: Palaquium gutta, der Guttaperchabaum. Sein milchiger Saft, die Guttapercha, lässt sich zu einer Art Gummi verdicken. Heute stopfen Zahnärzte damit Wurzelkanäle. Im 19. Jahrhundert konnten Ingenieure dank des dichten Isoliermaterials erstmals unterirdische Telegrafen-Kabel verlegen, die länger als nur wenige Wochen hielten.

Industrie-Pionier Werner von Siemens erfand 1847 eine Extrusionspresse, mit der das Guttapercha nahtlos um den Draht gezogen werden konnte. Schon 1850 legte John Watkins Brett das erste Seekabel zwischen England und Frankreich. Es brach zwar nach nur einem einzigen Telegramm, doch der nächste Versuch ein Jahr später war erfolgreich.

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Von einer transatlantischen Verbindung zu den Börsen und Märkten Europas versprachen sich amerikanische Investoren lukrative Geschäfte. Es brauchte mehrere Anläufe, bis im August 1858 Queen Victoria und US-Präsident James Buchanan miteinander kommunizieren konnten. Das Kabel hielt nur vier Wochen oder rund 400 Telegramme. Erst 1866 lag eine haltbare Verbindung von Amerika nach Europa. Die Welt war zusammengerückt.

Die Briten waren von Beginn an Herrscher über die Kommunikation

In den 1870er Jahren boomte das Geschäft mit den Kabeln – auf den Kontinenten und unter den Ozeanen. Die Briten besaßen die beste Technik, die meisten Verlegeschiffe und dank ihres Empires bald mehr als zwei Drittel der Kabelnetze in aller Welt. Auch die zehn Leitungen, die wenige Jahre später den Atlantik kreuzten, waren fast alle in britischem Besitz.

Das war ein wichtiger taktischer Vorteil im Ersten Weltkrieg: Die britische Marine kappte umgehend die wenigen deutschen Verbindungen. Damit waren die Kapitäne des Kaisers auf die seit der Jahrhundertwende entwickelte drahtlose Telegrafie angewiesen, die der britische Geheimdienst abhören konnte. Im "Room 40", einem Zimmer des Londoner Admiralitätsgebäudes, entschlüsselten Kryptologen anhand des Codebuchs der gestrandeten SMS Magdeburg die deutschen Funksprüche. 

Lauschangriffe im Ersten Weltkrieg

Für die neue Kommunikationstechnik der Telefonie war der elektrische Widerstand der alten Kabel zu hoch. Die Übertragung von Sprache ist viel störanfälliger als die weniger komplexen Striche und Punkte des in der Telegrafie verwendeten Morsecodes. Erst Kabel mit Verstärkern in regelmäßigen Abständen lösten das Problem. 

Submarine Cable Map

Die Firma TeleGeography hat eine interaktive Karte aller Unterseekabel erstellt und die Daten dazu online zugänglich gemacht. Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu öffnen.  |  © TeleGeography/Google

1956 verband das erste Transatlantik-Telefonkabel – kurz: TAT-1 – Schottland und Kanada. Über die zunächst 36 Fernsprechkanäle liefen in den ersten 24 Stunden gut 700 Gespräche. Auch wenn die Kapazitäten später stiegen, stieß die Übertragung elektrischer Signale durch kupferne Leitungen bald an ihre Grenzen. Satelliten übernahmen. 

Ära der Glasfaserkabel

Das änderte sich, als 1988 mit TAT-8 die Ära der Glasfaserkabel über den Atlantik begann, die viel mehr Daten in derselben Zeit übertragen können. TAT-8 übertrug 40.000 Telefongespräche gleichzeitig – zehnmal so viele wie das 1978 verlegte kupferne TAT-7 und deutlich schneller als Satelliten mit ihren langen Signallaufzeiten.

Leserkommentare
  1. Jedes Land hat einen Geheimdienst und möchte womöglich alles über alle wissen. Wenn es um die eigene Sicherheit, wohl auch verständlich.

    In unseren globalen Zeiten, können diese Daten jedoch auch sehr, sehr schnell in das Gegenteil verwendet werden - um Menschen, also uns zu unterdrücken.

    Die Frage ist also eher, wer kontrolliert diese Dienste und wie kann demokratisch ein Missbrauch verhindert werden? (Politisch, wirtschaftlich, sozial).

    Haben wir Vertrauen zu unseren Regierungen? Zu unseren NATO-Partnern? Wie schnell kippte Deutschland ab 1933 um in eine Diktatur? Wie schnell kann das heute passieren??

    2 Leserempfehlungen
  2. Das ist bullshit, denn es betrifft selbst historisch bestenfalls die Überseekommunikation uns selbst wenn es stimmen würde, rechtfertigt es keine Abhöraktionen, da könnten wir ja auch gleich behaupten, erlaubt sei was man kann.

    2 Leserempfehlungen
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    kontrollierte den kommunikationsverkehr zur ns-zeit.

    da jeder verkehr von ost nach west und umgekehrt über berlin führte, lauschte das forschungsamt.

    http://de.wikipedia.org/w...

    schalt- und schnittstellen in der kommunikation sind immer punkte, an denen abgehört, mitgehört, spioniert wird.

    • drohne
    • 28. Juni 2013 10:22 Uhr

    die Briten beherrschen die Kommunikation ...

    und auch heute läuft die Kommunikation an ihnen vorbei (Vorspann).

    Wenn etwas an mir vorbei läuft, kann ich es nicht beherrschen, ja nicht einmal erhaschen.

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    ...

    Redaktion

    ..und wenn Sie möchten, dass der Teaser geändert wird, müssen Sie erst einmal an mir "vorbei". Heißt das nicht: Ich stelle mich Ihnen in den Weg? Bin ein Hindernis? Unbemerkt geht das nicht.

    Insofern finde ich, dass es an dieser Stelle passt: Jeder, der Daten versendet, muss an den Briten vorbei. Im oben genannten Sinne.

    Herzliche Grüße!

  3. Vielen Dank für den geschichtlichen Abriss. Solche Artikel heben den Blick vom Tagesgeschehen und machen Dinge verständlicher. Find ich gut.

    3 Leserempfehlungen
  4. 5. Danke!

    ...

    Antwort auf "Mensch, Journaille,"
  5. kontrollierte den kommunikationsverkehr zur ns-zeit.

    da jeder verkehr von ost nach west und umgekehrt über berlin führte, lauschte das forschungsamt.

    http://de.wikipedia.org/w...

    schalt- und schnittstellen in der kommunikation sind immer punkte, an denen abgehört, mitgehört, spioniert wird.

  6. das Europa alle IT-Firmen dazu zwingt Ihre IT Infrastruktur für europäische Geschäfte eben auch in Europa anzulegen. Gleichzeitig muss es verboten werden Daten von EU Usern außerhalb der EU zu speichern - es seiden das jeweilige Land in dem sich XYZ Firma befindet ist auf einer "grünen Liste".

    Mit Europa meine ich hier natürlich den Kontinent - am besten die Niederlande die eine Netzneutralität beschlossen haben.

    Als nächstes sollte die EU dann anfangen eigene Glasfaserkabel zu verlegen. Der jeweilige Endpunkt im Ausland sollte dann unbedingt die Botschaft eines vertrauenswürdigen EU-Landes sein - oder ein Gelände mit "Botschaftsstatus".

    Ich bin kein IT-Experte also kann das auch totaler Schwachsinn sein was ich hier schreibe.

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    • GDH
    • 28. Juni 2013 12:21 Uhr

    Ihr Ansatz ist nur konsequent:

    Wenn ein Land keine Rechtordnung schafft, die die Privatsphäre von Europäern schützt (natürlich mag es Kriminelle geben, die irgendwas ausspionieren aber die gehören dann entsprechend bestraft), dürfen europäische Unternehmen dort halt keine kritische Infrastruktur betreiben. Die Briten müssen sich halt überlegen, ob sie dazugehören wollen...

    Besonders zynisch finde ich ja, dass es sogar eine Ausnahme von europäischen Datenschutzregeln [1] gibt, die Datenverarbeitung in den USA erlaubt, wenn Unternehmen sich zusichern lassen, dass die Vertragspartner europäische Standards einhalten. Schließlich wissen wir, dass sie das garnicht gewährleisten können, weil die Regierung Unternehmen zwingen kann, massenhaft Daten ihrer Kunden rauszurücken und das niemandem zu verraten. Solche Abkommen sollte die EU schnellstmöglich kündigen!

    [1] http://de.wikipedia.org/w...

    Sie glauben, Deutschland, Frankreich oder die Niederlande spionieren den Netzverkehr nicht aus? Wie kommen sie darauf? Weil Snowden sich noch nicht über diese Länder geäußert hat? Weil die EU, die übrigens das Programm INDECT veranlasst hat, die Heilsbringer schlecht sind?

    Mir scheint, dass ist ein neuer verblendeter EU-Nationalismus. Ich würde doch bitten mal darüber nachzudenken, warum unser Innenminister das Vorgehen der USA gelobt und deren Kritiker als naiv bezeichnet hat - nach der Aufdeckung von Prism und Boundless Informant.

  7. Redaktion

    ..und wenn Sie möchten, dass der Teaser geändert wird, müssen Sie erst einmal an mir "vorbei". Heißt das nicht: Ich stelle mich Ihnen in den Weg? Bin ein Hindernis? Unbemerkt geht das nicht.

    Insofern finde ich, dass es an dieser Stelle passt: Jeder, der Daten versendet, muss an den Briten vorbei. Im oben genannten Sinne.

    Herzliche Grüße!

    Antwort auf "Mensch, Journaille,"
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    aber das genannte Sprichwort funktioniert nur mit einem "muss" (Zwang) und besser noch mit einem "erst" im Satz. Wenn etwas an jemandem vorbei geht/läuft/fährt..., impliziert die Aussage keineswegs, dass derjenige etwas davon mit bekommt. Wenn etwas an jemandem vorbei muss, allerdings schon.

    "Diese Nachricht ging an mir vorbei" != "Diese Nachricht musste erst an mir vorbei"

    Ja, ich weiß, niemand mag Oberlehrer.

    • wauzi
    • 28. Juni 2013 19:46 Uhr

    ist ein teekesselchen, das ist doch klar.
    vorbei ist vorbei.

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  • Schlagworte Siemens AG | USA | England | Europa | London
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