ZEIT ONLINE: Sie haben vor genau 50 Jahren eine spezielle Lösung der Einsteinschen Gleichungen gefunden, die später als die erste Beschreibung eines rotierenden Schwarzen Lochs bekannt wurde. War das damals Mathematik oder Physik?

Roy Kerr: Zunächst mal war es Mathematik. Aber ich habe mich damals schon mehr für physikalische Phänomene interessiert.

ZEIT ONLINE: In Ihrem deutschen Wikipedia-Eintrag ist derzeit zu lesen, dass Ihnen jahrelang nicht klar gewesen sei, wie bedeutend Ihre Entdeckung war.

Kerr: Das ist völliger Unsinn. Wahrscheinlich kommt das von Physikern, die sagten: Er war ja nur ein Mathematiker und konnte gar nicht beurteilen, was er tat. Dabei hatte ich mich schon mit rotierenden Systemen beschäftigt, als die noch in die Windeln machten. Ich wusste sofort: Das ist fantastisch! Und alle anderen wussten es auch.

ZEIT ONLINE: In den mehr als fünf Jahrzehnten davor hatte man diese exotischen Lösungen von Einsteins Gleichungen vor allem als rein theoretische Spekulation angesehen – Objekte mit unendlich konzentrierter Masse, die sogar Lichtstrahlen gefangen hielten. Konnten Sie sich damals vorstellen, dass es tatsächlich Himmelskörper mit diesen Eigenschaften geben könnte?

Kerr: Ja! Denn kurz davor waren die Quasare entdeckt worden. Mit Radioteleskopen hatte man Objekte in fernen Galaxien gefunden, die unglaubliche Mengen von Energie abstrahlten. Wo kam diese Energie her? Keiner konnte das erklären.

ZEIT ONLINE: Und waren die Astrophysiker dann von Ihrer Lösung elektrisiert?

Kerr: Überhaupt nicht. Es gab im selben Jahr eine Konferenz über Quasare in Dallas. Dort habe ich einen Vortrag über meine Entdeckung gehalten. Die Relativitätstheoretiker waren begeistert, aber die Astrophysiker schliefen im Hörsaal, sie hörten überhaupt nicht zu. Ein bekannter Relativist stand auf, schüttelte die Faust und rief: Wir haben 30 Jahre an dieser Sache gearbeitet, ihr hört besser mal zu. Aber erst im Lauf des nächsten Jahres haben sie eingesehen, dass die Akkretionsscheibe rund um ein rotierendes Schwarzes Loch tatsächlich solche riesigen Energiemengen abstrahlen könnte. Ich sagte damals schon voraus: In der Zukunft wird immer dann, wenn man ein unverstandenes Phänomen im All entdeckt, jemand aufstehen und rufen: "Das ist ein Schwarzes Loch, gebt mir den Nobelpreis!"

ZEIT ONLINE: Und heute gelten Schwarze Löcher als bestätigt, oder?

Kerr: Der erste Kandidat für ein Schwarzes Loch war der Stern Cygnus X-1, der 1965 entdeckt wurde. Ein Schwarzes Loch ist ja zunächst einmal unsichtbar, aber dieser Stern hat einen Begleiter, von dem er ständig Materie absaugt und sich einverleibt. Das war schon früh der heißeste Kandidat, auch wenn wir im strengen Sinne bis heute kein Schwarzes Loch an ihm beobachten können.

ZEIT ONLINE: Aber der Name "Schwarzes Loch" kam erst lange nach Ihrer Entdeckung, oder?

Kerr: Ja, der Begriff wird oft John Wheeler zugeschrieben, aber der hat nur einmal in einer Vorlesung gefragt: "Fällt einem ein guter Name dafür ein?" Und jemand im Publikum rief: "Schwarzes Loch!"

ZEIT ONLINE: Es heißt, Ihre Schwarzen Löcher seien "haarlos". Was heißt das?

Kerr: Tatsächlich braucht man – neben der elektrischen Ladung – nur zwei Parameter, um ein rotierendes Schwarzes Loch zu beschreiben: seine Masse und seine Rotationsgeschwindigkeit. Es gibt keine weiteren Größen oder "Haare", die da entscheidend sind.

ZEIT ONLINE: Es heißt, Sie seien an einem "bizarren Antigravitationsprojekt" der Navy beteiligt gewesen. Was hat es damit auf sich?

Kerr: Die Navy hatte eine Relativitätsgruppe in Dayton im Staat Ohio. Wir haben da unsere abstrakten Forschungen gemacht, aber ab und zu bekam die Navy Vorschläge von irgendwelchen Irren, die sehr exotische Antriebe für Raumfahrzeuge entworfen hatten. Die hatten viele Schalter und Knöpfe, pulsierende elektrische und magnetische Felder, aber alle verletzten irgendwie Newtons Energieerhaltungssatz. Wir wurden dann gefragt: Sollen wir dem Kerl ein paar Millionen Dollar geben, um die Sache weiter zu erforschen? Und unser Job war es dann, zu zeigen, dass das alles Unsinn war.

Die Entdeckung von Roy Kerr vor genau 50 Jahren war der Startschuss für die Erforschung der Schwarzen Löcher. Das Albert-Einstein-Institut in Golm bei Potsdam hat den Pionier mit einem zweitägigen Symposium geehrt.