PaläontologieHässlichkeit überdauert bis in alle Zeit

Forscher haben einen Dinosaurier entdeckt und ihn mit gebotener Neutralität beschrieben. Dabei sieht diese Urzeit-Echse wirklich unsäglich aus, meint Stefan Schmitt. von 

Hässlichkeit überdauert, auch 75,5 Millionen Jahre. Ja, hässlich – wie sonst soll man diese Schädel nennen, die Mark Loewen und Scott Sampson im Süden Utahs ausgegraben haben? Heute präsentieren sie ihren Fund in der Wissenschaftszeitschrift Proceedings of the Royal Society: Biological Letters.

Ein wuchtiger Schädel mit kurzer Schnauze, gedrungener Nase und einer Stirn, die sich zu einer gewaltigen Knochenplatte mit zackenbesetztem Rand auswächst – schon das würde genügen, um dem Dino ein äußerst abschreckendes Antlitz zu bescheren.

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Aber auf seiner Nase sitzen ja noch diese geschwungenen Hörner. Mit nach vorne auslaufenden, leicht aufwärts geschwungenen Spitzen erinnern sie entfernt an heutige Wasserbüffel. Durch sie wirkt das Tier vollends grotesk. Besser hätte sich kein japanischer Manga-Zeichner, kein kalifornischer Computer-Animateur ein träges Urzeitmonster ausdenken können. Hässlich eben. Was sonst soll man über ihn sagen? Mit einem zurückhaltenden "bemerkenswert" versuchen es die Forscher.

"Ein bemerkenswerter, kurzschnäuziger, gehörnter Dinosaurier aus der späten Kreidezeit" überschreiben sie ihren Aufsatz über Nasutoceratops. So haben sie das Genus benannt, übersetzt heißt das etwa: großnasiges Horngesicht. Die hervorstechende Optik von Nasutoceratops titusi, sie wurde also auch in der Taxonomie verewigt. (Der Spezies-Name titusi würdigt den Paläontologen Alan Titus.)

Zeitalter

Die Saurier entwickelten sich nach neuesten Erkenntnissen vor etwa 243 Millionen Jahren im Mesozoikum (Erdmittelalter). Es wird in drei Perioden unterteilt: die Trias, der Jura und die Kreide. Die Trias, in dem fast die gesamte Landmasse im Superkontinent Pangea zusammengefasst war, bezeichnet die Zeit von 251 Millionen bis 200 Millionen Jahre. Auf die Trias folgte der Jura von 200 bis 145 Millionen Jahren, in dem der Urkontinent auseinanderbrach und sich langsam in die heutigen Kontinente aufteilte.

Infografik
Warum starben die Dinosaurier aus? Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.

Warum starben die Dinosaurier aus? Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF herunterzuladen.  |  © Niels Schröder

Anschließend folgte die Zeit der Kreide vor 145 bis 65 Millionen Jahren. Mit dem Ende der Kreide wurden fast alle Saurier ausgerottet. Da man die Vögel als Nachfahren einer Gruppe der Saurier ansieht, sind sie jedoch streng genommen nicht vollständig ausgestorben.

Von den Reptilien, die damals auf der Erde vorkamen, überlebten zum Beispiel die Krokodile, Schlangen, Eidechsen und die Schildkröten.

Die Pflanzenwelt veränderte sich während dieser Zeit dramatisch. Von einstigen Landschaften mit Nadelwäldern und Ginkobäumen wandelte sich das Bild in der Kreidezeit zu Laubwäldern und Buschlandschaften. Dafür verantwortlich war die Entwicklung der Blütenpflanzen in der frühen Kreidezeit.

Systematik

Zu den Sauriern zählt man die Saurischia (Echsenbeckendinosaurier), zu denen die meist fleischfressenden Theropoden und die zumeist pflanzenfressenden Sauropoden gehören, sowie die Ornithischia (Vogelbeckendinosaurier), deren Gruppe hauptsächlich Pflanzenfresser umfasst. Die meist in Büchern abgebildeten Meeressaurier und Flugsaurier gehören systematisch nicht zu den Dinosauriern.

Erscheinungsbild

Über das Aussehen der Saurier sind die Wissenschaftler sich größtenteils einig. Die Rekonstruktionen aus versteinerten Knochen und Hautfetzen lassen ein ziemlich genaues Bild der damaligen Bewohner entstehen. Allerdings gibt es keine Sicherheit über mögliche Haare, Federn und Farbe. Neueste Erkenntnisse lassen vermuten, dass viele Arten Borsten oder Federn besaßen, die teilweise interessante Färbungen aufwiesen. Pigmentzellen wurden in Borsten- und Federversteinerungen gefunden.

Verhalten

Über die Physiologie, das Verhalten und die Entwicklung kann meist nur spekuliert werden. Hier müssen sich die Wissenschaftler häufig auf Vergleiche mit heutigen Tierarten verlassen. Eine strittige Frage war, ob die Saurier wechselwarme Tiere waren oder nicht. Nach Vergleichen der Anatomie und der aufrechten Körperhaltung der Saurier, die den der warmblütigen Säugetiere und Vögel entspricht, gehen die meisten Forscher davon aus, dass die Saurier aktiv ihre Körpertemperatur über der Umgebungstemperatur halten konnten. Ihre aufrechte Haltung sei ein Indiz für eine Anpassung an dauerhaftes Laufen, was nur mit einer erhöhten Stoffwechselrate zu bewerkstelligen gewesen wäre.

Ob die Saurier Herdentiere waren, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig feststellen. Wissenschaftler vermuten, dass die großen Räuber eher Einzelgänger waren, Pflanzenfresser sich lieber in größeren Gruppen aufhielten, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. Es gibt aber auch Hinweise, dass kleinere Raubsaurier in Gruppen gejagt haben könnten.

Brutpflege betrieben aber offenbar die wenigsten der Ur-Echsen. Paläontologen entdeckten zwar Nester mit versteinerten Eiern, fanden aber keine Belege dafür, dass sie von den adulten Tieren betreut wurden.

Aussterben

Zum Aussterben der Saurier gibt es mehrere Theorien. Eine geht davon aus, dass ein großer Asteroid die Erde traf und die Folgen das Schicksal der Urzeittiere besiegelte. Die Tiere, die nicht sofort starben, fielen der Veränderung des Klimas zum Opfer.

Einer anderen Theorie zufolge hätte der Ausbruch mehrerer Vulkane das weltweite Klima so stark verändert, dass die Saurier nicht mehr überlebensfähig waren. Durch die Verdunkelung der Atmosphäre durch Staub und Asche könnte auch die Nahrung der Pflanzenfresser verschwunden sein. Die Fleischfresser verhungerten ohne ihre Beutetiere.

Eine weitere Theorie besagt, dass eine weltweite Epidemie die Saurier auslöschte. Diese These ist allerdings stark umstritten, da ein solches Virus für praktisch alle Arten fatale Folgen hätte haben müssen.

Auch die Säugetiere könnten zum Aussterben der Saurier beigetragen haben, indem sie in Konkurrenz um die Nahrung traten und somit die ökologische Nische der Saurier besetzte. Das vermehrte Auftreten von Blütenpflanzen könnte die Nahrung verknappt haben. Daher könnten die Saurier trotz des üppigen Nahrungsangebots verhungert sein.

Die letzten drei Theorien sind allerdings als einzige Ursache sehr umstritten. Mehrere Gründe könnten auch zusammen verantwortlich sein. Dies ist anzunehmen, denn die Saurier hatten bereits die gesamte Erde und viele verschiedene Lebensräume besiedelt und sich angepasst.

Rekorde

Die Urechsen haben erstaunliche Eigenschaften besessen. Der größte unter ihnen, der Argentinosaurus, war an die 45 Meter lang und wog bis zu 80 Tonnen.

Die Schnellsten, zu denen auch der Ornithomimus gehört, erreichten möglicherweise Geschwindigkeiten von mehr als 60 Stundenkilometern.

Die längsten Krallen hatte der Deinocheirus mit etwa 30 Zentimetern. Von ihm gibt es allerdings kein komplettes Skelett. Nur die vorderen Extremitäten sind als Fossilien gefunden worden.

Das größte bekannte Saurier-Ei gehört der Spezies Hypselosaurus. Es war bis zu 30 Zentimeter groß.

Einer der besten gepanzerten Saurier war der berühmte Triceratops, ein etwa neun Meter langer Vierbeiner mit einem Kopf, auf dem eine Knochenplatte und drei Hörner saßen.

"Er gehört in eine bislang unbekannte Untergruppe gehörnter Dinosaurier", antwortet Scott Sampson, Chefkurator des Denver Museum of Nature and Science auf die Frage, was das Tier denn außer seinem Äußeren noch bemerkenswert mache. Sein Kollege Mark Loewen von der University of Utah ergänzt: "Wir hatten wirklich nicht erwartet, so ein eigenartig aussehendes Viech hier zu finden, sondern eher so etwas wie die Centrosaurier aus Kanada."

Tatsächlich ist das Äußere des Fossils für die Wissenschaftler interessant, weil es Rückschlüsse zulässt, dass Dinosaurier im heutigen Utah und ihre Verwandten weiter nördlich für mindestens eine Million Jahre lang getrennt voneinander existiert haben müssen. Entsprechend konnten sie sich also aus gemeinsamen Vorfahren zu eigenständige Arten entwickeln: Eine davon ist Nasutoceratops titusi.

Leserkommentare
  1. kann aus der Sicht der Natur nicht hässlich sein.
    Es war in höchstem Maße funktional und spezialisiert.

    Wie kann man sich erdreisten nach menschlichen Gesichtspunkten, die in ca. 100.000 Jahren vergessen sein werden, Natur als häßlich zu bezeichnen?

    19 Leserempfehlungen
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    es verschlägt einem wirklich die sprache, was aus naturwissenschaft wird, wenn sie geisteswissenschaftlern ausgeliefert wird.
    und es legt offen, dass geisteswissenschaftler sehr anders ticken als baturwissenschaftler. letzteren wird das prnzip beobachten-beschreiben-interpretieren-und-nur-werten-wenn-s-gefordert-ist vomersten semester an eingebläut

    ...machen Sie es nicht wie ein guter Naturwissenschaftler und suchen sich nur die Informationen raus, die Ihnen nützlich erscheinen? ;)

    Meine Güte, heute hat der Humor hitzefrei, oder?

    Phänomenal, wie Political Correctness überall Einzug hält!!! Dass 'hässlich' in diesem Kontext mit einem gewissen Augenzwinkern gemeint ist, liegt eigentlich auf der Hand. Aber sogleich wird man auf das Gebot der Sachlichkeit hingewiesen (das in Zeitungen ohnehin nicht so streng gilt).
    (Hoffentlich hatte der Dino ein Gender.)

    ...über einen ästhetischen Sinn und die intellektuele Lust zur Kategorisierung haben, und weil wir es können.

    Ich finde es auch "asymetrisch". Diese "Hässlichkeit" gefällt mir. Ja, diese vergangene Natur ist hässlich. Schön!

  2. ...wie das Tier aussah. Es hatte seinen Daseinsberechtigung und seinen Platz im Ökosystem. Alles hängt zusammen, räumlich und zeitlich, und vielleicht gäbe es uns daher gar nicht, wenn dieses Wesen niemals existiert hätte. Und außerdem ist sowieso Ästhetik rein subjektiv, nicht nur für uns Menschen.

    6 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 17. Juli 2013 12:41 Uhr

    zumal, wenn sie in in Deutschland geäussert wird

    Wilhelm Busch " ... schöner ist doch unsereiner"

    9 Leserempfehlungen
  3. Schön oder häßlich ist doch völlig irrelevant.
    Der Saurier wollte ja nie einen Zeit-Autor bezirzen.

    @ 4 Diese ständige "zumal in Deutschland" , bei jedem noch so untauglichen Anlass und Thema, ist echt infantil.

    5 Leserempfehlungen
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    • Chali
    • 17. Juli 2013 12:58 Uhr

    um etwas aus der Vergangenheit zu lernen. In Deutschland, so lehrt uns PISA, klappt das ja nicht so dolle.

    Wäre dies eine spanische Zeitschrift, würde ich auf Pizarro hingewiesen haben:
    Diese Europaer stiessen auch auf eine Umgebung, die sie nicht verstanden. Voll mit Hässlichkeit.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/jk

    3 Leserempfehlungen
  5. es verschlägt einem wirklich die sprache, was aus naturwissenschaft wird, wenn sie geisteswissenschaftlern ausgeliefert wird.
    und es legt offen, dass geisteswissenschaftler sehr anders ticken als baturwissenschaftler. letzteren wird das prnzip beobachten-beschreiben-interpretieren-und-nur-werten-wenn-s-gefordert-ist vomersten semester an eingebläut

    10 Leserempfehlungen
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    • GBG85
    • 17. Juli 2013 13:37 Uhr

    In diesem Artikel geht es in keinem Wort um einen Konflikt von Geistes- und Naturwissenschaftlern. Es ist die rein subjektive Meinung des Autors über die rekonstruierten Bilder. Es wäre auch lächerlich, würde sich ein Wissenschafter (egal ob Natur-, Formal- oder Geistes-) anmaßen, die vorhandene Schädelmorphologie nach seinem individuellen ästhetischen Empfinden zu bewerten. Nur ist das hier kein wissenschaftlicher Artikel, wie bereits der Titel sagt: "[...], meint Stefan Schmitt."

    • Chali
    • 17. Juli 2013 12:58 Uhr

    um etwas aus der Vergangenheit zu lernen. In Deutschland, so lehrt uns PISA, klappt das ja nicht so dolle.

    Wäre dies eine spanische Zeitschrift, würde ich auf Pizarro hingewiesen haben:
    Diese Europaer stiessen auch auf eine Umgebung, die sie nicht verstanden. Voll mit Hässlichkeit.

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  • Schlagworte Dinosaurier | Tier | Paläontologie | Nordamerika | Utah
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