Geduldiger Beobachter: John Mainstone betrachtet das 1927 begonnene Pechtropfenexperiment, das im australischen Brisbane ausgestellt ist. © Universität von Queensland

ZEIT ONLINE: Professor Mainstone, Sie wachen über ein Experiment, das im Jahr 1927 an der Physikfakultät der Uni von Queensland begann und bis heute läuft, oder eher tropft. Einfach ausgedrückt beobachten Sie, wie Pech gegen die Erdanziehung kämpft, und das dauert. Halten Freunde und Familie Sie für verrückt?

John Mainstone: Sie ermutigen Leute sogar auf Wallfahrt zu gehen, um sich das Experiment anzuschauen. Aber nein, sie haben nur wie ich bemerkt, dass es Dinge gibt, selbst bei so einem simplen Experiment, die es noch zu verstehen gilt. Wenn möglich auf einer sich stetig vertiefenden Ebene. Ganz so, wie es sich für einen Physiker ziemt.

ZEIT ONLINE: Am Trinity College in Dublin gibt es einen ähnlichen Versuch. Dort hat man nun den ersten Pechtropfen, der dort etwa alle zehn Jahre fällt, auf Video festgehalten. Das ist Ihnen noch nicht vergönnt gewesen. Ärgert Sie das?

Mainstone: Nein. Ehrlich gesagt bin ich enttäuscht, dass das Video keine Antwort bereit hält auf die Frage, die ich mir seit Jahrzehnten stelle: Wie verhält sich die Mechanik eines losgelösten Pechtropfens auf seinem Weg nach unten genau?

Die Informationen vom Trinity College in Dublin sind noch sehr dürftig. Es gibt nur wenig Ähnlichkeiten zwischen dem sorgsam erhaltenen und beobachteten 86 Jahre alten Physikexperiment hier an der Uni von Queensland und einem etwa 17-Sekunden-Zeitraffer-Video irgendeines Tropfens, dessen Vorgeschichte mindestens vage ist. Der Dubliner Pechtropfen setzt unten in der Apparatur auf, die dann anscheinend einen Aufwärtsruck erhalten hat. Der Tropfen zeigt einen seitlichen Schlag und das hat zum Reißen geführt. Es ist unmöglich, dies mit dem gewöhnlichen vertikalen Fallen eines Tropfens zu vergleichen, der den Zustand erreicht hat, bei dem er sich der Schwerkraft nicht mehr widersetzen kann. Beim Experiment hier an der Uni dauert es wohl 0,1 Sekunde oder ein Augenzwinkern bis der Pechtropfen nach dem Riss im Becherglas landet.

ZEIT ONLINE: Dies ist bislang acht Mal geschehen. Entwickelt man durch das Beobachten eines so langen Versuchs ein anderes Zeitgefühl?

Mainstone: Ja.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass Sie den genauen Zeitpunkt Ihrer Geburt kennen?

Mainstone: Das ist korrekt. Aber die Folgerung, dass dieses Wissen in einem Kausalzusammenhang mit dem Experiment stünde, ist mir fremd.

ZEIT ONLINE: Zeit scheint Ihnen dennoch wichtig zu sein. Wann haben Sie den Versuch das erste Mal zu Gesicht bekommen?

Mainstone: Am Dienstag, den 17. Januar 1961. Ich war am Tag zuvor vom Cavendish Labor in Cambridge zurückgekehrt und jemand zeigte mir die in einem Regal verstaute Apparatur. Damals war das Pechtropfenexperiment bereits mehr als 30 Jahre alt.

ZEIT ONLINE: Was passierte dann?

Mainstone: Eine Ahnung überkam mich. Sollte diese Kuriosität davor bewahrt werden im Müll zu landen, könnte sie eines Tages so wertvoll werden, wie sagen wir mal einige erhaltene Apparaturen des Physikers Maxwell, die ich in Cavendish gesehen hatte (Anm. der Redaktion: James Clerk Maxwell gilt vielen als der einflussreichste Physiker des 19. Jahrhunderts). Ich fühlte mich berufen, stiller Wächter zu werden. Ich beschloss, das Experiment vor unsensiblen Banausen zu schützen.

ZEIT ONLINE: Das ist Ihnen gelungen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Mainstone: Nach mittlerweile 52 Jahren habe ich definitiv gelernt, geduldig zu sein. Das Leben nimmt einfach unbekümmert seinen Lauf. Das Verhalten dieser Probe Pech lässt sich weder austricksen noch vorhersagen. Naturgemäß hat sich das Experiment geweigert, sich irgendwie kontrollieren zu lassen. Wir sollten daher dankbar sein, dass während Jahr um Jahr verstreicht, mehr Details über das Verhalten dieser komplexen Mischung aus Kohlenwasserstoff zum Vorschein kommen.

ZEIT ONLINE: Mit Verlaub, aber was sollen das für Details sein?

Mainstone: Abschätzungen über den Viskositätskoeffizienten der Probe. Manche versuchen, die komplexen Erscheinungsformen fluider, zähflüssiger und fester, elastischer Eigenschaften in den verschiedenen Teilen des Experiments zu entwirren. Es ist einfach faszinierend, dass Kohlenteer-Pech ein viskos-elastischer Stoff ist, ebenso wie Blut.