Der erste heftige Rutsch ereignete sich mitten in der Nacht, erinnert sich der Physiker Shane Bergin vom Trinity College in der irischen Hauptstadt Dublin. "Endgültig löste sich der Faden am 11. Juli gegen fünf Uhr nachmittags. Ich stand daneben. Es war einfach traumhaft." Bergin schwärmt von einem Experiment, das, seit es im Jahr 1944 aufgestellt wurde, erst mal lange auf einem schmutzigen Regal im Physikinstitut der Hochschule Staub ansetzte.

Mittlerweile steht die simple Apparatur aus Trichter, Auffangschälchen und Halterung in einem abgesicherten, durchgängig beleuchteten Raum. Eine Webcam beobachtet seit Mai rund um die Uhr die schwarze, glänzende Masse, die in ihr fließt: Pech. Der teerhaltige Stoff, den kaum jemand als Flüssigkeit kennt, ist so zäh, dass ihn die Schwerkraft nur langsam aus dem Trichter zieht. Sehr, sehr langsam.

Bergin und einige Kollegen sind wohl die ersten Menschen, die Pech live haben tropfen sehen. Genauer: Den Moment, an dem sich die extrem viskose Masse voneinander löste. "Niemand hat das jemals zuvor miterlebt", sagt Bergin. Und es ist das erste Mal, dass dieses weniger als eine Sekunde dauernde Ereignis auf Video aufgenommen wurde. "Unglaublich." Nur etwa einmal im Jahrzehnt entzweien sich Teerklumpen und der sich darunter dehnende Faden mit abschließendem Rund. 

Seit 1944 tropft es im Dubliner Trinity College etwa alle zehn Jahre Pech. © School of Physics/Trinity College Dublin

Was ist so faszinierend an tropfendem Teer? "Es geht hier um den Kern von Wissenschaft", sagt Bergin, "pure Neugierde." Es war seine Idee, das Experiment zu filmen. "Es geht hier schließlich um ein Phänomen, das noch nie beobachtet worden ist." Bis vor Kurzem war das Pechtropfenexperiment nur die uralte Kuriosität am Trinity College. Nun haben die Zeitrafferaufnahmen, die Bergin und seine Kollegen am Donnerstag auf YouTube veröffentlichten, schon mehr als 160.000 Aufrufe.

Niemand weiß mehr genau, wer den Versuch vor 69 Jahren aufbaute. Sicher ist nur, es war wohl ein Kollege des Physikers Ernest Walton, der 1951 den Nobelpreis für seine Experimente mit Atomkernen erhielt, die er mit Protonen beschoss. "Wir haben einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte", sagt Bergin. Doch Physiker würden dazu neigen, Vermutungen erst mit Fakten zu erhärten.

Mehr als eine Kuriosität

Der irische Fließversuch ist aber keineswegs nur skurriles Relikt eines unbekannten zerstreuten Professors. Er lieferte schon erste wissenschaftliche Ergebnisse. Kollegen von Bergin verfolgten die Evolution des Tropfens genau. Und berechneten seine Zähflüssigkeit auf 2 mal 10 hoch 7 Pascalsekunden. Bedeutet: "Dieses Pech ist zwei Millionen Mal viskoser als Honig", sagt Bergin. Oder auch 20 Milliarden mal zähflüssiger als Wasser.

Dabei müsse man aber bedenken, dass der Versuch nicht in einer  kontrollierten Umgebung stattfand, das Temperaturen und andere Umweltfaktoren auf den flüssigen Stoff einwirkten. Die einzige Änderung, die Bergin und seine Kollegen an dem Experiment von 1944 vornahmen, war, den Trichter etwas anzuheben, um das Träufeln zu erleichtern. "Nun versuchen wir, so genau wie möglich vorherzusagen, wann der nächste Tropfen fällt", sagt der Physiker.

Die Begeisterung der Dubliner wird auf der anderen Seite des Globus geteilt. Im australischen Ort Brisbane steht in einem Glaskasten ausgestellt der älteste noch laufende oder besser tropfende Laborversuch der Welt. Dort starrt der emeritierte Physikprofessor John Mainstone seit nunmehr 52 Jahren auf ein ähnliches Experiment. 1927 startete der Physiker Thomas Parnell an der Uni von Queensland das Projekt. Im Gegensatz zum irischen Versuch wurde die Entwicklung säuberlich dokumentiert. Acht Mal tropfte es bereits: 1938, 1947, 1954, 1962, 1970, 1979, 1988 und zuletzt am 28. November 2000.