Ein Betroffener des mutmaßlichen Giftgas-Angriffes in der Nähe von Damaskus © Ammar Dar / Reuters

Grauenvolle Videos und Fotos kursieren seit gestern durchs Netz. Zu sehen sind Kinder mit Schaum vor dem Mund, zitternde Menschen mit gelähmten Gliedmaßen und weiß eingehüllte Leichen auf dem Boden eines Krankenhauses. Laut der syrischen Opposition zeigen sie die Opfer eines Giftgas-Angriffes, den das Assad-Regime auf Rebellenhochburgen nahe Damaskus verübt haben soll. Doch ob das stimmt, ist noch lange nicht gewiss: Sind die Videos echt? Wenn ja – war es wirklich ein Giftgas-Angriff? Und war das Assad-Regime tatsächlich Täter?  

Aus der Ferne lassen sich diese Fragen nur unsicher beantworten. Dass die Aufnahmen gefälscht oder gestellt sind, ist unwahrscheinlich – dazu sind es schlicht zu viele. Ob Giftgas zum Einsatz kam, kann man höchstens an den Symptomen der Betroffenen ablesen, die in den Videos zu sehen sind. Stefan Mogl vom Schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz sagte gegenüber Spiegel Online, dass der Ausfluss aus der Nase, die verengten Pupillen, das Schwitzen und die Muskelkrämpfe auf einen Nervenkampfstoff hindeuten. Auch die Zahl der Opfer lasse sich laut Mogl nur mit einem Chemiewaffen-Angriff erklären.

Das sind allerdings Ferndiagnosen. Bilder und Videos lassen letztlich auch nur Spekulationen zu. Für sichere Beweise müssten Chemiewaffen-Experten die Angriffsorte untersuchen. Dieser Aufgabe soll sich ein Team von 20 UN-Waffeninspekteuren widmen, das seit einigen Tagen im Land ist, um drei frühere Vorfälle zu untersuchen. Ob die syrische Regierung ihnen Zugang erteilt, ist noch nicht klar.

Giftgas hinterlässt messbare Spuren im Boden

Sollten sie eine Erlaubnis erhalten, müssten sie am Ort der Gewalteinsätze so viele Indizien und Spuren wie möglich sammeln, Augenzeugen und Betroffene befragen. Zudem könnten sie in den Dörfern Bodenproben nehmen, um sie auf Rückstände des Kampfstoffes zu untersuchen. Die Abbauprodukte von Giftgasen reichern sich im Boden an und können noch mehrere Wochen nach dem Angriff nachgewiesen werden. Es könnte außerdem sein, dass das Giftgas mit Artilleriegranaten verschossen wurde. Deshalb müssten die Inspekteure die Region auch nach Rückständen von Granaten absuchen, auf denen noch Spuren des Stoffes haften könnten.

Noch wichtiger als die Spurensuche wäre aber eine medizinische Untersuchung der Opfer, die überlebt haben. Wenn sie zum Beispiel mit dem Nervengas Sarin in Berührung gekommen sind, müssten Abbauprodukte der Chemikalie noch Tage später in ihrem Blut nachweisbar sein. Auch eine verringerte Aktivität des im Blut enthaltenen Enzyms Acetylcholinesterase kann darauf hindeuten, dass jemand Giftgas eingeatmet hat. Sarin, Tabun, Soman, Diisopropylfluorophosphat und andere Nervenkampfstoffe hemmen dieses Enzym im Körper. Das würde auch die Muskelverkrampfungen und Zuckungen erklären, die auf einigen der Videos zu sehen sind.

Keine Hinweise auf Urheber

Wenn die Inspekteure die Erlaubnis erhalten, eine so umfassende Untersuchung in den betroffenen Gebieten durchzuführen, werden sie danach relativ sicher sagen können, ob Giftgas eingesetzt wurde oder nicht. Wer die Täter waren, wissen sie dann aber immer noch nicht. Das Regime hat die Vorwürfe natürlich dementiert. Russland – ein enger Partner des syrischen Regimes – hatte wiederum indirekt die Rebellen für Giftgaseinsätze verantwortlich gemacht. Den Einsatz von Chemiewaffen werfen sich Regierung und Rebellen schon seit Monaten gegenseitig vor.

Im Moment ist noch nicht gewiss, ob das Regime in Damaskus den Inspekteuren eine Untersuchung ermöglichen wird. Schon bei ihren bisherigen Untersuchungen durfte das Team nur Orte besuchen, zu denen ihnen die Machthaber ausdrücklich Zugang erteilt hatten.

Wie der russische Außenamtssprecher Alexander Lukaschewitsch am Donnerstag in Moskau mitteilte, habe die Führung um Präsident Baschar al-Assad erklärt, den Inspekteuren logistische Hilfe zu leisten und Zugang zu sichergestellten Proben zu geben.