Open Access in der Wissenschaft : Aktuelle Forschung bleibt hinter Paywall

Kurz vor der Wahl hat der Bundesrat ein Gesetz durchgewunken, das wissenschaftlichen Urhebern mehr Rechte einräumt. Weder Forscher noch Verlage sind zufrieden damit.

Lange schon hatten deutsche Wissenschaftsorganisationen darauf gedrängt, dass die Rechte wissenschaftlicher Autoren gestärkt und die Macht wissenschaftlicher Verlage beschnitten werden sollte. Mit dem sogenannten "Dritten Korb" sollte das Urheberrecht reformiert und an das digitale Zeitalter angepasst werden. Ein deutliches Zeichen gegen die gängigen Buy-out-Verträge, das wünschten sich die Verbände.

Forscher sollten bei einer Veröffentlichung nicht länger dazu gezwungen sein, die kompletten Nutzungsrechte an Verlage abzutreten. Stattdessen sollte es ihnen erlaubt sein, ihre Forschungsergebnisse nach Ablauf einer Sperrfrist frei ins Internet zu stellen. Das Argument der zahlreichen Open-Access-Befürworter: Mit Steuergeldern finanzierte universitäre Forschung muss der Öffentlichkeit anschließend auch kostenlos zugänglich gemacht werden.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte die Reform lange vor sich hergeschoben, obwohl sie nicht nur von der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, zu der unter anderem die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat gehören, immer wieder dazu aufgefordert wurde.

Erst im Februar dieses Jahres legte das Justizministerium schließlich einen Gesetzentwurf vor. Danach sollte wissenschaftlichen Autoren ein "unabdingbares Zweitverwertungsrecht" eingeräumt werden. Allerdings sieht das neue Gesetz vor, dass dieses Recht erst zwölf Monate nach der kommerziellen Erstveröffentlichung greift und nur für bestimmte Textformate gilt – nämlich lediglich für Zeitschriftenbeiträge. Aufsatzsammlungen, Lehrbücher oder Monografien bleiben ausgenommen. Außerdem muss die betreffende Forschungsarbeit, so ein weiteres Kriterium, mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Drittmitteln gefördert worden sein.

Großer Teil der Wissenschaft sieht sich im Nachteil

Der Gesetzentwurf löste massive Kritik aus. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen lobte zwar den Vorstoß, "den Urhebern wissenschaftlicher Texte eine der digitalen Arbeitswelt angemessene Möglichkeit zu verschaffen, selbst über den Grad der Sichtbarkeit ihrer Forschungsergebnisse zu entscheiden". Warum aber soll dieses neue Recht nur für Forschung aus Drittmitteln gelten? Damit würde ein Großteil der Wissenschaftler benachteiligt.

Außerdem sei die zwölfmonatige Sperrfrist vor allem für die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer viel zu lang, sechs Monate seien angemessener. Die gleichen Einwände formulierte auch das Aktionsbündnis Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft, unter dessen Dach sich hunderte Fachgesellschaften und mehr als 7.000 Einzelunterzeichner zusammengeschlossen haben. Es gebe bei dem Gesetz "erheblichen Nachbesserungsbedarf", schrieb das Bündnis in einem Brief an die Bundeskanzlerin.

Selbst der Bundesrat formulierte schon im Mai seine Bedenken: Dass ein Großteil der Forscher von dem Zweitnutzungsrecht ausgenommen werden soll, stelle "eine durch keinen sachlichen Grund zu rechtfertigende Diskriminierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Hochschulen" dar.

Aber auch die Gegenseite, die Fachverlage, deren Interessen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vertreten werden, zeigte sich alles andere als zufrieden. Der Börsenverein hält die gesamte Marschrichtung für verkehrt. Denn durch das Zweitveröffentlichungsrecht, so die Argumentation, werde langfristig die falsche Form von Open Access gefördert, nämlich der "grüne Weg". Beim grünen Open Access veröffentlichen Wissenschaftler ihre Forschung zunächst wie bisher in Fachzeitschriften, die dann für zum Teil horrende Preise von den Hochschulbibliotheken abonniert werden.

Aktuelle Forschung bleibt also kostenpflichtig. Parallel dazu entstehen an vielen Universitäten "Repositories", frei zugängliche Datenbanken, in die Wissenschaftler nach Ablauf der Sperrfrist ihre Aufsätze einstellen können. Der Börsenverein lehnt diese doppelte Infrastruktur vehement ab. Man habe immer "für ein Gesetz plädiert, das eine direkte Veröffentlichung in qualitätsgesicherten Open-Access-Journalen fördert. Durchgesetzt hat sich leider nun zunächst der Weg in eine wilde Repositorien-Landschaft".

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Grundsätzlich gut

ist es, Wissen frei zugänglich zu machen.

Eine Sache allerdings darf man nicht erwarten: Das damit Wissensressourcen für die Öffentlichkeit entstehen. Wer Papers liest wird es wissen, die sind für ein Fachpublikum geschrieben und ohne Grundlagenwissen in der speziellen Fachrichtung kaum lesbar.

Eine Frage ist mir nicht ganz klar: Wer wird die Open-Access-Geschichte bezahlen? Im bestehenden Journal-System ist es ja so, dass die Veröffentlichung für den Autor relativ günstig ist. Was nützen mir die Rechte an meinem Paper, wenn ich viel Geld brauche, um es der Community verfügbar zu machen?

Wenn das, wie oben beschrieben, zum Rechnen pro Paper 500€ anfallen, dann ist das eine extrem große Menge Geld, wenn man bedenkt, wieviele Arbeiten eingereicht werden.

Nutzer

Gut, es mag eine Nutzerbasis geben, aber die wird nicht so sehr groß sein. Ich kann es nur in der Physik beurteilen, aber ich lehne mich mal soweit aus dem Fenster, dass es in der Chemie und den anderen Wissenschaften nicht anders sein wird. Ohne intensives Vorbereiten bringt es kaum etwas, sich die Dinger anzugucken.
Warum auch? Das meiste was "öffentliche" Nutzer brauchen, findet man in viel besserer Form als Buch oder ähnlichen Medien, bei denen die didaktische Aufbereitung eine Rolle spielt. (Per Fernleihe sind Fachbücher auch in öffentlichen Bibliotheken erschwinglich)

Zur Finanzierung: Beschließen kann man viel, zum Beispiel einen Flughafen, was letztlich draus wird, und wer es bezahlt, ist eine andere Sache. Habe ich des soweit richtig verstanden: Veröffentlicht wirds wie bisher in Journals, nur nach einer gewissen Frist landet es im Uni-repository?
Das erscheint mir ziemlich unsinnig. Denn die Abos müssen die Unis sowieso haben, so dass man die Daten als Uniangehöriger bekommt. Und dann kann man sie später nochmal aus einer Quelle bekommen, die auch nur den Uniangehörigen Zugang gewährt? Wo bleibt da die Öffentlichkeit?

Uni Repositories

Was die Autoren mit ihrem Zweitveröffentlichungsrecht machen, bleibt letztlich ihnen überlassen. Die aktuelle Regelung fällt in dieser Hinsicht leider hinter jene der USA zurück, wo eine Zweitveröffentlichung nach 12 Monaten als Open-Access-Artikel verpflichtend geworden ist, und dies zumindest in den Lebenswissenschaften zentralisiert bei der NIH geschieht http://blogs.nature.com/n...

Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die Repos also nur eine Möglichkeit unter mehreren. Aber immerhin sind die Uni-Repositories öffentlich, und nicht nur für Universitätsangehörige zugänglich. Sonst würden diese Repos wohl auch keinen großen Sinn machen.

@4 und 5: Danke

Der fatale Hang zur Verunregelmäßigung stört mich genau so sehr wie Sie. Leider war ich oft allein mit meiner Empörung. Ich musste mir schon sagen lassen, dass das heutzutage richtiges Deutsch sei und wurde auf den Duden verwiesen. Da steht tatsächlich Winken, unregelmäßiges Verb (Duden online, auf sowas verlinke ich nicht mehr). Die Dudenredaktion hat sich damit in meinen Augen endgültig disqualifiziert. Sie hat schon Dativizid an direkt auf "außer" folgenden Wörtern begangen. Lt. Duden kann man alle Fälle nehmen, ganz nach Lust und Laune, der Dativ ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben.

Ich freue mich, dass nicht nur mir die fortgesetzte Vergewaltigung unserer Muttersprache sauer aufstößt.

Der Forschungsbetrieb funktioniert bislang anders.

Die Wissenschaft, in ihrer Hektik, baut auf die Vorsortierung durch die Journals, um auf die schnelle Relevantes von weniger Relevantem unterscheiden zu können: Abseits des eignen engen Forschungsgebiets liest man nur die großen Journals mit dem großen Impact - alles lesen kann man ja ohnehin nicht. Wenn nicht der Zweck, so doch der Nutzen der Journal-Hierarchie ist es, erste Orientierung im Ozean des Wissens zu bieten... Abgesehen davon jedoch weiß man in der Regel erst nach einigen Jahren, manchmal erst nach Jahrzehnten, welche Veröffentlichungen am Ende wirklich wichtig für ein Fach gewesen sind. Die Platzierung von einem Artikel in einem Journal mit einem bestimmten Impact-Faktor ist nicht mehr als eine fundierte Vermutung über dessen Bedeutung. Gleichwohl - diese Vermutung hilft, das Lesen (und auch die Vergabe von Geldern, nebenbei bemerkt) zu priorisieren.
Wollte man auf das Journal-System verzichten, müsste man neue Instrumente finden, um die Komplexität in diesem ganzen Wissenswust zu verringern... klingt nicht, als wäre es unmöglich, aber klingt, als würde es mit dem Überzeugen womöglich nicht so einfach werden. Immerhin handelt es sich bei den Wissenschafts-Journalen um z.T. über Jahrhunderte gewachsene Strukturen.