Peter Higgs ging es vermutlich nicht gut in den letzten Tagen. "In der ersten Oktoberwoche werde ich sicher Nobelitis bekommen. Eine leichte Panik, das war letztes Jahr auch so", sagte der 84-Jährige in einem TV-Interview im Frühjahr. Offenbar wurde dem Briten am Morgen der Nobelpreis-Entscheidung sogar so mulmig, dass er sich just in der Zeit von allen Kommunikationsmitteln fernhielt, als der alles verändernde Anruf aus Stockholm hätte kommen können.

Die frohe Botschaft des Nobelkomitees erreichte ihn dann auch nicht sofort. Doch nun weiß es die ganze Welt: Der Nobelpreis 2013 in Physik wird Peter Higgs zusammen mit dem 80-jährigen Belgier François Englert verliehen, und zwar "für die theoretische Entdeckung eines Mechanismus, der zu unserem Verständnis des Ursprungs der Masse subatomarer Teilchen beiträgt, und der kürzlich durch die Entdeckung des vorhergesagten Elementarteilchens in den ATLAS- und CMS-Experimenten am Large Hadron Collider des Cern bestätigt wurde".

Für was gibt es den Preis nun also? Grob gesagt geht es darum, zu erklären, warum von den 29 heute bekannten Elementarteilchen, den kleinsten Bausteinen, in die sich unsere Welt nach heutigem Wissenstand zerlegen lässt, einige eine Masse haben und andere nicht. Aus Sicht von Physikern ist das nämlich ein logisches Unding. Offenkundig besteht unsere Welt aus massebehafteter Materie. Englert und Higgs machten sich also auf, den Fehler im System zu suchen.

Unsichtbare Energien durchziehen das Universum

Ihre Erklärung: Es gibt ein unsichtbares Energiefeld, heute nach dem Vordenker dieser Theorie Higgs-Feld genannt. Es durchzieht, so die Idee, das Weltall und alles, was sich darin befindet, und interagiert mit einigen der Elementarteilchen darin, beispielsweise den Elektronen, die nachweislich eine Masse haben. Mit anderen hingegen, wie dem masselosen Photon, tritt es nicht in Wechselwirkung. Physiker sprechen von einer Symmetriebrechung. Durch die Wechselwirkung werden die Teilchen quasi "abgebremst" und erhalten so eine Masse.

Selten hat es vor der Bekanntgabe eines Nobelpreises so viel Einigkeit darüber gegeben, welche Forschung die Auszeichnung verdient hätte. Noch seltener hat das Nobelkomitee, wie diesmal, den Erwartungen entsprochen.

Wer nun glaubt, die Zuerkennung des Preises wäre einfach gewesen, der irrt. Ebenso wie die beiden Männer hinter der Theorie des Higgs-Teilchens, hätten nämlich nach Ansicht vieler Fachleute auch hunderte andere Wissenschaftler den Physiknobelpreis verdient, allen voran die Schar aus Physikern, die in der gewaltigen Teilchenbeschleuniger-Anlage in Genf im Juli 2012 endlich praktisch nachweisen konnten, was Higgs, Englert und der verstorbene Robert Brout schon 1964 vorhergesagt hatten.

Doch der Nobelpreis, dotiert mit acht Millionen schwedischen Kronen, kann in einer naturwissenschaftlichen Disziplin jedes Jahr laut Regelwerk nur an maximal drei Forscher gehen. Posthum ist er – bis auf einzelne Ausnahmen – ebenfalls nicht zu vergeben. Der Scientific American wollte ob dieses Dilemmas sogar am liebsten direkt das Higgs-Teilchen selbst zum Preisträger küren.

Die Juroren umschifften das Problem, indem sie den Preis explizit nur für die Theorie des Mechanismus und die Prognose des Higgs-Teilchens vergaben. Die experimentelle Bestätigung – ein essentieller Bestandteil jeder physikalischen Forschung – befand die Jury nicht für preiswürdig.

Vielleicht weil sein Name so griffig klingt, vielleicht weil er als Einziger von einem unbekannten Teilchen schrieb, das es fortan zu suchen galt, wurde Higgs zum Übervater dieser Forschung. Vor ihm hatten im Juni 1964 Englert und Brout einen Aufsatz über die Theorie von einem unsichtbaren Energiefeld geschrieben. Higgs Arbeit folgte Ende August desselben Jahres.