Simon Zobel hat eine tiefe Stimme, ist groß und hat eine männliche Statur. Fast jeder, der Zobel trifft, wird denken, einem Mann zu begegnen. Bis zur Pubertät glaubte Zobel selbst, unauffällig zu sein. Dann wurde es offensichtlich: Simon Zobel ist ein intersexueller Mensch. Zobel hat sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Intersexualität erscheint in vielen verschiedenen Formen. Beispielsweise sehen manche Betroffene bei der Geburt aus wie ein Mädchen, haben jedoch einen männlichen Chromosomensatz. Andere haben sowohl innere männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane.

"Man kann nicht sagen, wie viele Menschen ohne eindeutiges Geschlecht in Deutschland leben", sagt die Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt. Es gebe keine zuverlässigen Statistiken über die Gesamtzahl der Betroffenen. Man könne aber davon ausgehen, dass eines von 4.500 Kindern ohne eindeutiges Geschlecht auf die Welt kommt. Doch auch wenn Mediziner dies an einem Säugling feststellten, mussten sich Eltern bisher entscheiden, ob ihr Kind ein Junge oder Mädchen sein soll – zumindest auf dem Papier.

Anders als das "Preußische Allgemeine Landrecht" von 1794, das einen Zwitterparagraphen enthielt, gab es in der Bundesrepublik Deutschland bislang nur zwei Geschlechter. Das ändert sich am 1. November 2013 – wenn auch nur ein Stück weit. Die bislang kaum beachtete Revision des Personenstandsgesetzes gibt vor, dass, "wenn ein Kind weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden kann, die Angabe in das Geburtenregister weggelassen wird".

"Es sind keine Menschen ohne Geschlecht"

Simon Zobel begrüßt das prinzipiell: "Das neue Gesetz ist eine Anerkennung intergeschlechtlicher Menschen." Die neue Regelung werfe jedoch viele Fragen auf. Völlig ungeklärt ist bislang, ob sich Kinder ohne Eintragung irgendwann für ein Geschlecht entscheiden müssen, ob Erwachsene ihren Eintrag löschen lassen dürfen, und auch, ob und wen Menschen ohne Geschlechtseintrag heiraten dürfen. Und was ist mit Menschen wie Simon Zobel? Deren Geschlecht scheint bei der Geburt eindeutig und wird erst in der Pubertät infrage gestellt.

Zu diesen Fragen hatte der Ethikrat im Februar 2012 Stellung bezogen und Politikern Empfehlungen an die Hand gegeben. Die sieht Ratsmitglied und Psychologe Michael Wunder nur halbherzig umgesetzt. "Der Ethikrat hat vorgeschlagen, neben männlich und weiblich 'anderes' als weitere Geschlechtsoption aufzunehmen", sagt er. Die Option, nichts einzutragen, sei zwar für Eltern eine Erleichterung. Für intersexuelle Menschen sei sie aber falsch. "Kein Eintrag sieht aus wie kein Geschlecht. Intersexuelle Menschen haben aber natürlich ein Geschlecht – ein anderes, was aber ganz unterschiedlich sein kann."

Und noch ein weiterer, ein gewichtiger Kritikpunkt an dem Gesetz steht im Raum: Interessenverbände wie Zwischengeschlecht.org fürchten, dass es durch die Änderung zu mehr operativen Eingriffen und hormonellen Behandlungen bei Säuglingen und Kindern kommt. Die Befürchtung ist, dass Eltern sich eher für Eingriffe entscheiden, als ihrem Kind kein Geschlecht zuzuweisen.

Traumatische Eingriffe in den Körper

"Man kann nicht von der Hand weisen, dass der Normalisierungsdruck auf den Eltern lastet", sagt Lucie Veith, Vorsitzende* vom Verein Intersexuelle Menschen e.V. Für Veith ist das kein Grund, die Gesetzesänderung abzulehnen – wie etwa Zwischengeschlecht.org es tut. "Aber auch für uns bleibt die körperliche und seelische Unversehrtheit wichtigste Forderung", sagt Veith. Intergeschlechtliche Menschen kritisieren immer wieder Behandlungen von Säuglingen und Kindern, die allein der Geschlechtsanpassung dienen und keine medizinische Indikation haben.

Zum einen besteht die Gefahr, dass Eltern und Ärzte sich für das falsche Geschlecht entscheiden und der Mensch später ganz anders empfindet. Zum anderen hinterlassen Eingriffe oft irreversible Schäden: Durch die Verkleinerung der Klitoris oder des Penis kann die Sensibilität verloren gehen, vernarbte Stellen können bei sexuellen Kontakten zu Schmerzen führen. Als besonders traumatisch beschreiben Betroffene das Anlegen einer künstlichen Vagina. Damit diese nicht wieder zuwächst, werden schon Kleinkindern unter Schmerzen Gegenstände eingeführt – oft muss diese Behandlung ein Leben lang fortgeführt werden.