Mit einer DNA-Reihenuntersuchung von 1.100 Männern wollte die Polizei 2012 eine vier Jahre zurückliegende Vergewaltigung aufklären. (Archiv) © Malte Christians/dpa

Mund auf, Stäbchen rein, Speichel raus – und mit ihm die Hoffnung, dass sich unter Hunderten oder Tausenden potenziellen Verdächtigen einer der Straftat überführen lässt. Denn im Speichel steckt DNA, unsere Erbsubstanz, ebenso in Blutresten, Hautschuppen und Sperma. An fast jedem Tatort lassen sich davon Spuren finden. Jeder Täter hinterlässt somit einen genetischen Fingerabdruck.

Seit 2005 sind Massen-Gentests im Paragraph 81h der Strafprozessordnung geregelt. "Begründen bestimmte Tatsachen den Verdacht, dass ein Verbrechen gegen das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die persönliche Freiheit oder die sexuelle Selbstbestimmung begangen worden ist, dürfen Personen […] Körperzellen entnommen, diese zur Feststellung des DNA-Identifizierungsmusters und des Geschlechts molekulargenetisch untersucht und […] mit den DNA-Identifizierungsmustern von Spurenmaterial automatisiert abgeglichen werden", heißt es dort.

Die Fahndungsmethode ist jedoch stark umstritten. Ein Argument der Kritiker: Entgegen der rechtsstaatlich gebotenen Unschuldsvermutung würden Bürger gezwungen, ihre Unschuld zu beweisen. Zu viele Menschen würden zu Unrecht als Täter in Erwägung gezogen. Die Wissenschaft gibt ihnen Recht.

Der Entwurf des Koalitionsvertrags sieht allerdings vor, den Kreis möglicher Verdächtiger auszuweiten. In den Koalitionsverhandlungen plant die Arbeitsgruppe Inneres und Justiz laut ihres Berichts, der ZEIT ONLINE vorliegt: "Zur Aufklärung von Sexual- und Gewaltverbrechen sollen bei Massen-Gentests auch sogenannte Beinahetreffer verwertet werden können, wenn die Teilnehmer vorab über die Verwertbarkeit zulasten von Verwandten belehrt worden sind."

Ein Beinahetreffer bedeutet, dass die DNA zwar nicht identisch ist mit der vom Tatort, sie ist ihr aber sehr ähnlich. Die Polizei soll laut des Entwurfs des Koalitionsvertrags also Rückschlüsse auf Familienmitglieder der Getesteten ziehen dürfen. Der Vater war es nicht, der Sohn – darauf deutet die DNA hin – mit großer Wahrscheinlichkeit schon – Zugriff! Obwohl der Sohn an dem Massentest gar nicht teilgenommen hat.

Die Ausweitung der Massentests ist rechtlich umstritten

Was die Arbeitsgruppe als die Schließung von "inakzeptable[n] Schutzlücken" im Sexualstrafrecht bezeichnet, ist rechtlich umstritten. Erst im Dezember 2012 hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass nur die vollständige Übereinstimmung mit einer Tatortspur Anlass für weitere Ermittlungen sein darf (3 StR 117/12).

Es gibt zu viele Unschärfen
Lutz Roewer, forensischer Genetiker, über Beinahetreffer

Hintergrund war der Fall einer Vergewaltigung im Jahr 2010 im niedersächsischen Dörpen. Ein Beinahetreffer hatte die Polizei damals zum Täter geführt. Der später verurteilte Jugendliche war als Minderjähriger selbst nicht zum Massentest geladen worden. Die Polizei konnte aber bei zwei der insgesamt 2400 Getesteten aus der Region eine Teilüberstimmung mit der DNA vom Tatort finden. Es waren der Vater und der Onkel des Täters. Ein Zufallsfund, der laut BGH so nicht mehr zulässig ist, für die Arbeitsgruppe Inneres und Justiz aber die Regel werden soll.

"Ich bin gegen die Zulassung von Beinahetreffern", sagt Lutz Roewer, der im Institut für forensische Genetik an der Berliner Charité im Auftrag des Landeskriminalamtes DNA-Proben untersucht. Das generelle Problem: "Es gibt zu viele Unschärfen, zu viele Personen kommen in Frage."

Um einen genetischen Fingerabdruck zu erstellen, benötigen Forscher bloß geringste Spuren von Sperma, Schweiß oder Speichel, Haaren oder Hautschuppen. Im Labor wird aus diesen zunächst die Erbsubstanz gewonnen, anschließend isolieren die Wissenschaftler bestimmte, nach bisherigem Stand funktionslose Regionen des DNA-Strangs. Diese Passagen haben eine Besonderheit: Sie sind durchsetzt mit "short tandem repeats", tandemartige Wiederholungen von Sequenzen, kurz STR. Sie zeichnen auf unserem Erbgut individuelle Muster.

Da es an jedem STR-Locus viele verschiedene Varianten gibt und viele STR-Loci gleichzeitig untersucht werden, ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sich die Merkmalskombinationen aller untersuchten STRs eines Menschen in der Gesamtbevölkerung zufällig wiederholen. "Insgesamt analysieren wir in Deutschland bis zu einundzwanzig solcher Merkmale", sagt Roewer. Sie alle werden in einen Zahlencode übersetzt, der dann mit den Spuren am Tatort verglichen wird. Liegt eine Übereinstimmung vor, stammt die DNA mit ziemlicher Sicherheit vom Täter.