Der Kalte Krieg ist vorbei, doch immer noch tragen Ost und West ihre Streitigkeiten in der Arktis und unter der Meeresoberfläche aus. Nur sind es keine schwer bewaffneten U-Boote, die aufgefahren werden. Proben vom Meeresboden sollen jetzt über die Aufteilung von Gebieten rund um den Nordpol entscheiden.

Die kanadische Regierung beansprucht für sich ein erweitertes Seegebiet in der Arktis, das über den üblichen Küstenstreifen hinausgeht. Es soll von den eigenen Landesgrenzen bis zum Nordpol reichen. Kontrahent Russland ist natürlich dagegen.

Der kanadische Antrag für die Anerkennung des Territoriums liege bereits bei der zuständigen UN-Kommission, erklärte Außenminister John Baird am 9. Dezember vor Journalisten in Ottawa. Als Begründung für diesen neuen Gebietsanspruch muss ein Festlandsockel und die zugehörige Kontinentalplatte herhalten, die sich unter dem Meeresspiegel vom kanadischen Festland bis tief in die Arktis zieht.

Streit um die "Kalte Platte" im Nordpolarmeer

"Wir haben unsere Beamten und Wissenschaftler mit weiteren Arbeiten beauftragt, um sicherzustellen, dass der Anspruch Kanadas das ganze Ausmaß der Kontinentalplatte bis zum Nordpol umfasst", sagte Baird.   

Das Gebiet ist für die Staaten, die an die Arktis angrenzen, deshalb so interessant, weil sie im Meeresboden Erdöl vermuten. Durch die zunehmende Eisschmelze steigen derzeit die Chancen, dass die Staaten bald die Ressourcen kommerziell abbauen können. Bekäme Kanada nun tatsächlich das Gebiet zugesprochen, wäre das Meer dort zwar streng genommen immer noch ein internationales Gewässer. Auf dem Meeresboden hätten die Kanadier jedoch das alleinige Recht, Bodenschätze abzubauen und nach Öl zu bohren.

Für Geowissenschaftler ist die kanadische Argumentation einigermaßen ungewöhnlich, wie Bernd Zimanowski vom Lehrstuhl für physische Geographie der Universität Würzburg sagt: "Mit der Begründung könnten die Nordafrikaner auch Teile Norditaliens für sich beanspruchen." Ein Teil der afrikanischen Kontinentalplatte ragt nämlich bis in die Adria-Region hinein.

Doch was für den Naturwissenschaftler nur bedingt logisch klingt, ist für einen Juristen durchaus denkbar. "Im Kern haben die Kanadier mit ihrer Argumentation recht", sagt Sebastian tho Pesch von der Bucerius Law School in Hamburg.

Normalerweise gelte ein Streifen von 200 Seemeilen um die Küstenlinie herum als Ausschließliche Wirtschaftszone eines Landes. Hier habe das Küstenland das alleinige Recht zu fischen und auch Ressourcen am Meeresgrund abzubauen. "Allerdings kann man zumindest das Recht auf die Ressourcen am Meeresboden ausweiten, sofern der Festlandsockel weiter in das Meer reicht", erklärt tho Pesch, der sich auf Seevölkerrecht spezialisiert hat.

Um ihr Recht auf die Unterwasserplatte geltend zu machen, muss Kanada nun mit geologischen Proben bei der UN-Behörde Commission on the Limits of the Continental Shelf (CLCS) nachweisen, dass sein Unterseegebirge wirklich bis an den Nordpol ragt. "Kanada könnte also tatsächlich den Anteil am Festlandsockel zugesprochen bekommen", sagt tho Pesch.

Die Behörde kann aber nur eine Empfehlung aussprechen, wie mit dem umstrittenen Territorium umzugehen ist. Für Russland wäre sie nicht rechtlich bindend. Die CLCS sei auch kein Schiedsgericht, sagte der Seerechtsexperte. Ziemlich sicher wird der Streit um die "Kalte Platte" im Nordpolarmeer also weitergehen.