Beim Anblick mancher Wesen fällt es schwer, nicht an einen Schöpfer zu glauben. Sapphire ist so ein Wesen. Mit ihren langen, kräftigen Beinen sieht die fuchsbraune Stute so aus, als hätte sie jemand eigens für das Springreiten erschaffen. Nach ihrer Geburt fiel den damaligen Besitzern als erstes ihre Blesse auf: ein nach oben gerichteter Pfeil. "Da wussten wir, dass sie eines Tages hoch springen wird", sagt Björn van Bunder, Sohn des Züchters, in dessen Stall Sapphire zur Welt kam.

Die van Bunders sollten Recht behalten. Schon während ihrer ersten Olympischen Spiele in Athen holte Sapphire mit der Mannschaft Gold. Nach dem Turniersieg gegen Hickstead, der damals als bestes Springpferd der Welt galt, feierte man sie als Legende. Die Stute gewann bald fast jeden Wettkampf, zu dem sie antrat. "Sie war ein Superstar", sagt van Bunder. "Absolut einzigartig."

Einzigartigkeit ist der Schlüssel zum Ruhm. Henry Maske wäre heute kein Star, hätte es seinerzeit hundert ebenso gute Boxer gegeben. An Claude Monet könnte sich wohl niemand erinnern, hätte jeder Impressionist Seerosen gemalt. Die Kehrseite der Einzigartigkeit: Sterben die Berühmtheiten, schwinden ihre Talente mit ihnen – und zwar unwiederbringlich.

Sapphire mal drei

Für Tom Grossman, Sapphires Miteigentümer und Gründer von Blue Chip Farms, auf der die Stute heute lebt, war dieser Gedanke unerträglich. Als Sapphire zu alt für Wettbewerbe wurde, gönnte er ihr zwar den Ruhestand. Ihre Erfolgsgeschichte aber wollte er noch nicht enden sehen. Er beschloss, sie klonen zu lassen. 2009 beauftragte er die Gentechnikfirma Replica Farm, aus Sapphires Erbgut zwei neue Embryonen zu züchten.

Die Wissenschaftler bedienten sich dafür einer Technik, die somatischer Zellkerntransfer heißt: Sie isolierten aus Sapphires Haut Zellkerne und schleusten sie in leere Eizellen. Im Gegensatz zu Körperzellen besitzen diese noch die Fähigkeit, sich beliebige Male zu teilen und zu einem Embryo heranzuwachsen. Tatsächlich entwickelten sich zwei der Zellen zu gesunden Embryonen, die die Wissenschaftler in eine Leihmutter einpflanzen konnten. Ein Jahr später kamen die Fohlen Kara BC und Kidjaz BC zur Welt, Sapphires genetische Doppelgänger.

"Ihr Fell hat exakt denselben Fuchston wie Sapphire und auch ihr Gang ist identisch", sagt Chris Sallee, die als Managerin bei Blue Chip Farms arbeitet und die Fohlen hat aufwachsen sehen. Abgesehen von den unterschiedlich geformten Blessen seien die Tiere absolut gleich – sogar in ihrer Persönlichkeit. "Alle drei sind vorsichtig, aber ehrgeizig. Im Parcours brauchen sie Zeit, um sich an Hindernisse zu gewöhnen – aber wenn sie springen, ist jeder Sprung perfekt", sagt Sallee. Die Tiere sind erst vor einem Jahr eingeritten worden. Dennoch bezweifelt Sallee nicht, dass sie in ein paar Jahren ebenso große Erfolge verzeichnen könnten wie das Original. "Sie haben Sapphires Gene, sie sind die geborenen Gewinner."

Klonen, ein neuer Trend im Pferdesport

Blue Chip Farms ist weder der erste noch der einzige Stall mit geklonten Pferden. Das weltweit erste Klonpferd Prometea war einer italienischen Forschergruppe 2003 nach mehreren Hundert Versuchen geglückt. Prometea war ein gewöhnliches Hauspferd. Heute werden vor allem Turnierpferde wie Sapphire geklont, deren Erbmaterial von Züchtern als besonders hochwertig angesehen wird.

Mittlerweile gibt es Gentechnikfirmen, die ausschließlich auf das Klonen von Pferden spezialisiert sind. Das französische Unternehmen Cryozootech hat in den vergangenen Jahren mehr als Hundert Klone erschaffen. Auf seiner Website wirbt das Unternehmen nicht nur mit Fotos von geklonten Springstars wie E.T. oder Gem Twist. Auch berühmte Dressur- und Rennpferde sind dabei. Wer 230.000 Dollar zur Hand hat, kann sich aus einem mehr als 50 Seiten starken Katalog sein Lieblingspferd aussuchen und bestellen.

Bei Replica Farm, das Unternehmen, das auch Sapphire geklont hat, zahlen Züchter rund 165.000 Dollar pro Embryo. "Das ist nicht teuer, wenn man bedenkt, dass die Kunden ein Jungtier mit den athletischen Qualitäten eines Hochleistungspferdes erhalten", sagt Firmenbesitzerin Kathleen McNulty. "Viele unserer Kunden haben lange gesucht, bis sie ihr Pferd fürs Leben gefunden haben. Das Klonen ist ihre einzige Chance, exakt das gleiche Pferd noch einmal zu bekommen."