ZEIT ONLINE: Wie ist derzeit die Lage, Herr Dr. Schwehm: Lebt der Komet Ison nach dem Wendemanöver an der Sonne noch?

Gerhard Schwehm: Wenn überhaupt, ist ein kleiner Rest übrig geblieben. Aber wir müssen vorsichtig sein mit den Analysen, denn das, was wir gerade machen, ist Schnellschuss-Wissenschaft. Bisher fehlte uns die Zeit, die Daten in Ruhe auszuwerten. Außerdem ist der Komet noch sehr nah an der Sonne und es ist daher nicht einfach, gute Aufnahmen von ihm zu machen.

ZEIT ONLINE: Was lernen Sie von den Bildern, die Ihnen zu Verfügung stehen?

Schwehm: Vor der Wende haben wir nur einen langen Schweif am Kometen gesehen. Der bestand aus Staub, der aufgrund des Verdampfens des Eises aus dem Kometenkern entstanden ist. Nun aber sehen wir einen breiten Fächer. Es ist der ursprüngliche Schweif, der nach der Wende noch in die alte Richtung zeigt, plus das, was nahe der Sonne neu hinzugekommen ist. Da es keinen Fahrtwind im All gibt, wird der freigesetzte Staub nicht weggeweht, sondern reist mit Ison mit. Der Schweif ist sehr diffus, daher ist es schwer zu sagen, ob noch ein Kometenkern existiert, der aktuell Staub produziert, oder ob das, was wir sehen, alt ist.

ZEIT ONLINE: Erste Wissenschaftler sagen bereits, es sehe so aus, als ob der Komet nicht mehr ausgase und keinen Staub mehr produzieren würde.

Schwehm: Da müssen wir vorsichtig sein, das wissen wir noch nicht.Sollte Ison nicht mehr ausgasen, dann haben die Sonnenstrahlen den Kometen so stark aufgeheizt, dass alles Eis herausgedampft ist. Er wäre nur noch ein Dreckbrocken, ohne Eis. Quasi ein toter Komet.

ZEIT ONLINE: Wir groß ist denn die Chance, dass es doch noch Eis gibt und der Schweif wieder heller leuchtet?

Schwehm: Ich glaube nicht, dass noch große Mengen Eis im Kometenkern versteckt sind. Auch ist unwahrscheinlich, dass der Schweif nochmal stärker wird. Die Staubbrocken werden nach und nach vom Strahlungsdruck der Sonne weggeweht.

ZEIT ONLINE: Sind manche Forschungsprojekte jetzt nun unmöglich, weil Ison nicht mehr hell leuchtet?

Schwehm: Nein, im Gegenteil. Die Kollegen des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung hatten die Geräte der Soho-Sonde im All zur Verfügung. Damit haben sie eine Spektralanalyse des Lichts von Ison gemacht, während er auf die Sonne zugerast ist. Anhand der Daten lernen wir, woraus der Komet bestanden hat und was mit ihm passiert ist. Ich verstehe schon, dass es zum Anschauen schöner ist, wenn der Komet als Ganzes vorbeikommt. Aber für uns Wissenschaftler ist es jetzt eigentlich interessanter.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre Sonden, aber was werden wir auf der Erde überhaupt noch von Ison sehen?

Schwehm: Also wenn es wirklich nur noch ein wenig Staub ist, der da fliegt, dann werden nur die großen Observatorien etwas sehen können. Mit bloßem Auge oder Feldstecher haben Sie keine Chance.

ZEIT ONLINE: Ist der Jahrhundertkomet also eher eine Jahrhundertenttäuschung?

Schwehm: Der Begriff war zu hoch gegriffen. Auf seinem Weg zur Sonne war bereits klar, dass der Komet kein Jahrhundertkomet wird. Auf einem Vortrag letztens habe ich bereits gescherzt, dass Ison wohl eher der Komet des Monats wird. Aber wir haben durch ihn eine Menge gelernt. Dass viele unserer Vorhersagen falsch lagen, zeigt, wie wenig wir über Kometen wissen.