Wie gut waren die Vorhersagen?

Vorhergesagt waren Windstärken von 140 bis 160 Stundenkilometern. Auf Sylt habe der Spitzenwert dann sogar bei 185 km/h gelegen, sagte Bernhard Mühr, Meteorologe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Dieser Wert wurde zwar an einer privaten Messstation ermittelt. "Die Messung sei aber zuverlässig", sagte Mühr. Den offiziellen Spitzenwert für die Nordseeinsel gibt der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit 148 Kilometern pro Stunde an. Den offiziellen Rekord für Deutschland hält Glücksburg-Meierwik in Schleswig-Holstein. Dort erfasste eine DWD-Messstation während Orkan Xaver seine Böen von Westen und Nordwesten schickte, eine Windgeschwindigkeit von 158 km/h. Auch auf dem Brocken im Harz blies es mit mehr als 150 km/h.

Und die Sturmflut-Prognosen?

"Insgesamt lagen wir mit unseren Vorhersagen für die Küsten ziemlich punktgenau", sagt Ozeanograf Stephan Dick vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Überraschungen gab es in Hamburg und Emden: Dort lagen die Pegelstände gestern Nacht etwa einen halben Meter über den Prognosen. "Genauer sind die Berechnungen aber auch einfach nicht", sagt Dick im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Gerade in den Flussmündungen von Elbe, Weser und Ems spielten lokale Effekte – also zum Beispiel örtliche Böen – eine besondere Rolle. Das macht Vorhersagen schwieriger. Die Sturmfluten waren an manchen Orten sogar heftiger als gedacht.

Hat Xaver den berechneten Weg genommen?

"Das Sturmtief Xaver ist ein kleines bisschen weiter nördlich mit seinem Zentrum weitergezogen als berechnet", sagte KIT-Forscher Mühr. Das liege aber im Rahmen normaler Abweichungen. Auch, dass der Orkan auf seiner Reise an Deutschland schwächer werde, habe man vorhersagen können. "Über Land nimmt der Druckunterschied der Luftmassen in einem Orkan ab – und damit auch dessen Stärke", sagte der Meteorologe. In den kommenden zwei Wochen sei nicht mehr mit stürmischem Wetter zu rechnen. Eher im Gegenteil.

Hat die Sturmflut die Ausmaße der "Jahrhundertflut" von 1962 erreicht?

Was die Schäden angeht, waren die Sturmfluten, die Orkan Xaver auslöste, nicht mit der "Jahrhundertflut" zu vergleichen, die 340 Menschen das Leben kostete. Die Möglichkeiten, solche Wetterereignisse präzise vorherzusagen, waren damals deutlich schlechter als heute. Vor über 50 Jahren war man zudem schlecht vorbereitet. An mehr als 60 Stellen brachen damals Deiche. Viele Menschen schliefen zu diesem Zeitpunkt. Die Gefahr erkannten viele zu spät und wussten nicht, wie sie sich retten können. Heute ist der Hochwasserschutz in Hamburg und an den Küsten besser.

Haben die Hochwasserpegel die von 1962 denn übertroffen?

Ja und nein, je nachdem, wie man rechnet: Als Hamburg 1962 die schwere Sturmflut erlebte, erreichte das Hochwasser an der Messstation Sankt Pauli einen Maximalwert von 5,70 Metern über Normalnull (NN). In der Nacht zum 6. Dezember 2013 wurden nun an derselben Stelle 6,09 über NN gemessen. Man könnte nun denken, Xaver habe den Wert von 1962 geknackt. Aber das stimmt nicht ganz: Während das Mittlere Hochwasser (MHW) – das ist der über viele Jahre ermittelte Durchschnitt der Pegelstände an einer Messstation, die bei der täglichen Flut erreicht werden – 1962 nämlich bei nur 1,67 Metern lag, erreicht das Mittlere Hochwasser in Sankt Pauli am ersten Sturmfluttag durch Xaver 2,11 Meter. Das heißt: In der Differenz fehlen zwischen der Sturmflut von 1962 und heute genau fünf Zentimeter. 1962 lag das Hochwasser 4,03 Meter über dem MHW, gestern nur 3,98 Meter drüber. Und nur diese Zahlen sind für Wissenschaftler aussagekräftig.

Welche war Deutschlands schwerste Sturmflut?

Wenn man nicht nach der Zahl der Toten und Verletzten und den Sachschäden geht, sondern nur die Hochwasserpegel betrachtet, dann hält weiterhin die Sturmflut von 1976 den Rekord: Das Wasser stieg damals nach Informationen des BSH auf 6,45 Meter über Normalnull, das waren 4,67 Meter über dem Mittleren Hochwasser, das damals bei 1,78 Metern lag.

War der Hype um Xaver zu groß, die Warnungen berechtigt?

"Was die Windstärken, die Niederschläge und die Hochwasserstände angeht, waren die Prognosen ziemlich genau", sagt Bernhard Mühr vom Karlsruher Institut für Technologie. "Es war  kein Fehlalarm." Die Sturmfluten an den Küsten seien wie vorhergesagt eingetreten. Teilweise stieg das Wasser sogar höher als erwartet. "Aus einigen Medienberichten konnte man den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland werde weggefegt, geflutet oder im Schneechaos versinken", meint Mühr. Das habe sich nicht bewahrheitet. Und so etwas hätten Wissenschaftler auch zu keinem Zeitpunkt behauptet.

Orkantief - Waren die Warnungen vor Xaver übertrieben?

Das Onlineportal des Deutschen Wetterdienstes bietet ein ständiges Update der aktuellen Warnlage. Lesen Sie in unserem Live-Blog auf ZEIT ONLINE die Ereignisse nach.