Vitamine schaden nie, glauben viele Menschen. Um sich vor Krankheiten zu schützen, schlucken sie Tag für Tag Nahrungsergänzungsmittel. Dass mit den Multivitamin-Cocktails mehr Antioxidantien in ihren Körper gelangen, als es mit gesunder Ernährung möglich wäre, ist durchaus gewollt. Schließlich sollen sie die Zellen unter anderem gegen Krebs wappnen.

Menschen, die bereits Krebsvorstufen in sich tragen, fördern das Wachstum der Tumorzellen aber womöglich noch durch solche Vitaminpillen. Das zumindest legt eine Studie nahe, die jetzt im Fachblatt Science Translational Medicine erschienen ist.

Wann immer Körperzellen Stoffe verarbeiten, entstehen freie Radikale. Diese werden für alle möglichen Schäden verantwortlich gemacht, unter anderem für Schäden im Erbgut. Mitunter könne so ein Tumor wachsen. Antioxidantien dagegen neutralisieren freie Radikale. Die These, dass sie vor krankmachenden Mutationen und damit vor Krebs schützen, klang daher plausibel.

Wie schädlich sind freie Radikale?

Doch ganz so einfach ist es nicht. Experten vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg bezweifeln die Gefährlichkeit der freien Radikalen. Im Jahr 1994 musste außerdem eine Studie abgebrochen werden, weil ausgerechnet jene Raucher, die vorbeugend Betacarotin nahmen, öfter an Lungenkrebs erkrankten als diejenigen, die den Stoff nicht einnahmen. Erst jetzt kristallisiert sich heraus, dass daran die antioxidative Wirkung des Betacarotins schuld sein könnte.

Martin Bergö und seine Kollegen von der Universität Gothenburg in Schweden fütterten Mäuse mit Lungenkrebsvorstufen zwei verschiedene Antioxidantien: N-Acetyl-Cystein (NAC) und Vitamin E. Der Lungenkrebs wurde dadurch nicht gehemmt. Im Gegenteil: Bei den Mäusen mit extra gesunder Kost wuchsen die Tumoren dreimal so schnell wie bei denen, die normales Futter bekamen. Außerdem starben die Tiere doppelt so schnell. Wie groß die Wirkung war, hing von der Dosis der Antioxidantien ab (fünf oder 50 Mal höher als die empfohlene Tagesdosis). Das galt auch für menschliche Lungenkrebszellen in der Petrischale.

Bergö und seine Kollegen bestätigten zwar, dass die Antioxidantien freie Radikale unschädlich machten. Das gilt allerdings insbesondere in Krebszellen, schließlich haben sie einen besonders aktiven Stoffwechsel. So geschützt kann der Tumor noch besser wuchern. Zusätzlich verhindert die Überdosis an Antioxidantien, dass der Körper sich selbst verteidigen kann. Normalerweise spürt das Eiweiß p53 Erbgutschäden in Zellen auf, hindert sie am Wachsen und treibt sie in den Zelltod. Schützen aber übermäßig viele Antioxidantien die Tumorzellen, greift die Krebsbremse nicht mehr.

"Wir machen Grundlagenforschung", warnt Per Lindahl, einer der Autoren. Aus den Daten könne man keine Rückschlüsse ziehen, wie gesunde Menschen auf zu viel Vitamin E oder NAC reagieren. "Zumindest Lungenkrebspatienten, Raucher oder COPD-Patienten sollten vorsichtig sein, bis Ergebnisse aus klinischen Studien vorliegen."

Erschienen im Tagesspiegel