"Zahnfäulnis" – es ist nicht schön, aber "Karies" bedeutet genau das. Sie entsteht, weil Bakterien – das bekannteste heißt Streptococcus mutans – in unserem Mund Kohlenhydrate, wie Stärke oder Zucker, aus Essensresten verdauen. Dabei bilden sich ätzende Säuren, die den Zahnschmelz angreifen und die Zähne letztlich zersetzen. Wer viele Süßigkeiten aus Industriezucker oder Stärkesnacks, wie Kartoffelchips, Pasta oder Cornflakes isst, bereitet den Keimen einen optimalen Nährboden.

Ohne Futter für die Bakterien entwickelt sich auch keine Karies, sagen Zahnärzte. Wie kann es dann sein, dass die Iberomaurusier, die vor rund 14.000 Jahren in der Mittel- und Spätsteinzeit in Nordafrika als Jäger und Sammler lebten, fast genauso vergammelte Zähne hatten, wie viele Menschen in heutigen Industrieländern? Das nämlich legt die Untersuchung von 52 fossilen Gebissen nahe, die Forscher in der Grotte de Pigeon (zu Deutsch: "Taubengrotte") im Osten Marokkos gefunden hatten. In mehr als 90 Prozent der zum Teil oder ganz erhaltenen Kiefer fanden sich Spuren von Karies, gut die Hälfte der Erwachsenen aus der Grotte bei Taforalt hatten zu Lebzeiten sogar mindestens ein beachtliches Zahnloch.

Der Ursprung des Übels: Pinienkerne, Eicheln, Hafer, Hülsenfrüchte und Schnecken. Weil die Iberomaurusier diese kohlenhydrathaltige Nahrung für sich entdeckten, bekamen sie moderne Zahnprobleme. Das berichten Forscher um Louise T. Humphrey vom Naturhistorischen Museum in London in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins PNAS

Vorratshaltung und Kochen verschärften das Problem

Dass Karies unter Bauern, die Pflanzen anbauten, verbreiteter war als unter Jägern und Sammlern, hatten frühere Studien gezeigt. Die Iberomaurusier kombinierten beide Lebensformen: Sie jagten Tiere, ernteten aber auch gezielt Früchte und Getreide. Indem sie Vorräte anlegten, schufen sie erst recht die Basis für Zahnbelag (Plaque) und kariösen Lochfraß, berichten die Wissenschaftler. Denn lagert man zum Beispiel Eicheln, erhöht sich mit der Zeit deren Zuckeranteil.    

Aus angekohlten Steinen, die sich in der Höhlenbehausung der Steinzeitmenschen befanden, schließen die Forscher außerdem, dass dort Nahrung erhitzt wurde. Zerkocht sind die Früchte der Eichenbäume zwar leichter verdaulich, der dabei entstehende Brei bleibt aber auch hartnäckiger zwischen den Zähnen kleben. Ohne tägliches Zähneputzen förderte das die Zahnfäule zusätzlich.

Heute weiß man außerdem, dass kariesauslösende Bakterien ansteckend sind. Das enge Zusammenleben der Frühmenschen aus dem heutigen Ost-Marokko dürfte also sein Übriges getan haben.

Und wieso waren Schnecken schlecht für die Zähne? Weil sie scharfkantige Schleifpartikel enthielten, sagen die Forscher. Die Iberomaurusier aßen sehr viele dieser ziemlich sandig daherkommenden Weichtiere – vielleicht auch noch mit Schalenresten – und dürften sich ihre Zähne damit zerkratzt haben, was den Säureangriff auf den Zahnschmelz erleichterte, mutmaßen die Wissenschaftler. Aus dem gleichen Grund raten viele Zahnärzte übrigens von Zahncremes ab, die besonders "abrasive" Schleifpartikel enthalten.