Ein Spiel: Blicken Sie umher und überlegen Sie sich, inwiefern die technischen Dinge, die Sie gerade sehen (und was wäre heute nicht technisch?), als Medien verstanden werden können. Als Mittel der Koordination von Handlungen. Oder als Träger von Bedeutungen, also als Zeichen.

Ein interessantes Beispiel ist das Atomherz.

Es gibt ein Album von Pink Floyd namens Atom Heart Mother. Das sind drei aufgeladene Wörter, sie verweisen auf Energie, Leben und Schutz. Entstanden ist der Titel im Jahr 1970, inspiriert von einer Zeitungsschlagzeile. Die Story handelte von einer schwangeren Frau, der ein Herzschrittmacher mit Nuklearbatterie implantiert werden sollte.

In solchen Batterien findet keine Atomspaltung statt. Ihre Energie wird durch Zerfall radioaktiver Substanzen frei. Eine Standardtechnik aus der Raumfahrt. Für Herzschrittmacher wurden sie – auch in Deutschland – zu Beginn der siebziger Jahre verwendet, in der Sowjetunion noch bis in die Mitte der Achtziger.

Technik als Vehikel der Macht

In den Vereinigten Staaten wurde sogar an kompletten künstlichen Herzkammern mit Nuklearantrieb gearbeitet. Die Idee war, mit der Zerfallswärme des Isotops Plutonium-238 eine Gas- oder Dampfturbine anzutreiben, die wiederum eine Blutpumpe in Bewegung halten sollte. Diese Atomherzen wurden freilich nie Wirklichkeit. Warum nicht, das hat die kanadische Medizinhistorikerin Shelley McKellar erforscht.

Die Geschichte beginnt 1964 mit einem Beschluss des US-Kongresses, die Entwicklung eines Kunstherzens zu finanzieren. Auftragnehmer waren die National Institutes of Health (NIH). Bald kam die Idee auf, nukleare Batterien zu verwenden, denn die konventionellen hielten nicht lange genug. Das machte die AEC, die Atomenergiekommission, hellhörig. Sie wollte ebenfalls einsteigen, hatte sie doch zu jener Zeit großes Interesse daran, neue, massenhafte Anwendungen der Nukleartechnik zu finden. Das hätte nämlich die Rolle der AEC aufgewertet. Außerdem versprach das Atomherz ideale Propaganda für die Kerntechnik, an der sich bereits hier und da Zweifel äußerten: Was das Herz schützt, das emblematische Organ des Lebens, das kann nicht grundsätzlich böse sein.

Technik als Vehikel der Macht und zugleich als wirksames Symbol also. Und als Kampfplatz. Sowohl NIH als auch AEC gaben Geld für Entwicklungsprojekte. Allerdings stritten sie sich untereinander um Macht und Geld, um die fachwissenschaftliche Führungsrolle und um Subventionen. Die NIH erhielten 1968 die Oberhand; die frustrierten AECler durften nur an einem kleinen Programm weiterarbeiten. Im Februar 1972 war es dann so weit: Die NIH-Leute implantierten einem Kalb ein künstliches Zusatzherz mit Plutoniumbatterie. Das Herz funktionierte acht Stunden lang, dann knickte ein Einlassschlauch und das Gerät versagte.

Die NIH veröffentlichten einen euphorischen Bericht. Die Experten der AEC schlugen sofort zurück. Sie wiesen nach, was an dem Atomherzen alles faul war, unter anderem wurde das Gerät zu heiß, und sprachen von "Scharlatanerie". Teilweise wohl zu recht.