Zwei Männer spazieren Hand in Hand in einem Park. © Luke MacGregor/Reuters

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie oft Heterosexualität zur Schau gestellt wird? Paare, die händchenhaltend flanieren; Kolleginnen, die auf der Arbeit von ihrem Freund erzählen; Politiker, die auf Wahlplakaten mit Frau und Kindern posieren; Tanten, die ihren Neffen fragen, ob er schon eine Freundin hat. Wenn Thomas Hitzlsperger aber nicht länger verheimlichen möchte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt; wenn lesbische, schwule, trans- und intergeschlechtliche Personen in der Schule berücksichtigt werden wollen, dann fühlen sich viele belästigt oder bedroht. In Leserkommentaren ist von "Modeerscheinung" die Rede, von "permanentem Outing". Menschen, denen die Allgegenwärtigkeit von Heterosexualität gar nicht auffällt, wird es zu intim, selbst wenn es gar nicht um Sex geht. 

Warum ist das so, woher kommt diese Abneigung? Vor allem drei Faktoren beeinflussen die Entstehung von Homophobie: rigide Geschlechternormen, eine fundamentalistische Religiosität und Unkenntnis.

Menschen sind umso homophober, je stärker ihre Vorstellung davon ist, wie sich "richtige Männer" und "richtige Frauen" verhalten sollten (Whitley, 2001). Jugendliche, die es nicht gut finden, wenn Mädchen Fußball spielen oder Jungen weinen, lehnen auch Lesben und Schwule stärker ab. Homosexualität widerspricht klassischen Geschlechterrollen: Plötzlich ist unklar, aber wichtig, wer hier Mann und wer Frau in der Beziehung ist. Manche denken womöglich daran, wer die passive (und vermeintlich "unmännliche") Rolle während des Analverkehrs innehat.

Für Männer ist dies bedrohlicher als für Frauen, was deren stärker ausgeprägte Homophobie erklärt (Louderback & Whitley, 1997). In unserer Gesellschaft wird Weiblichkeit als etwas gesehen, das biologisch erworben wird, während Männlichkeit immer wieder neu erkämpft und bewiesen werden muss (Vandello & Bosson, 2013). Wird sie in Frage gestellt, dann neigt Mann danach stärker dazu, sie einmal mehr unter Männern zu beweisen. Homophobe Äußerungen sind eine wirksame Methode, um sich vom "nicht-männlichen Schwulen" demonstrativ abzugrenzen (Willer, Rogalin, Conlon & Wojnowicz, 2013).

Homophobie und eigene homosexuelle Anziehung

Besonders angegriffen fühlen sich offenbar Männer, die sich zwar als heterosexuell definieren, aber dennoch von Männern sexuell erregt werden. Diese These untersuchten Henry Adams und Kollegen in einem Experiment, in dem sie heterosexuelle Männer zunächst zu ihrer Homophobie befragten und ihnen später drei erotische Videos zeigten (Adams, Wright & Lohr, 1996). In einem dieser Videos hatten ein Mann und eine Frau Sex, in einem zweiten zwei Frauen und in einem dritten zwei Männer. Während die Probanden die Videos schauten, trugen sie eine kleine Manschette um ihren Penis, einen "penilen Plethysmographen", der Veränderungen im Penisumfang und damit die sexuelle Erregung misst. Während die Männer auf die heterosexuellen und die lesbischen Paare gleichermaßen erregt reagierten, ergab sich ein interessanter Unterschied in ihrer Reaktion auf die schwulen Paare: Wenig homophobe Männer reagierten nicht auf das Video, stark homophobe Männer zeigten hingegen eine Zunahme ihres Penisumfangs.

Wie ist dieses Ergebnis zu erklären? Offenbar speist sich Homophobie auch aus der Angst vor der eigenen homosexuellen Anziehung. Heterosexuelle Männer fühlen sich dadurch in ihrer Männlichkeit bedroht. Durch demonstrative Abwertung von offen schwulen Männern können sie die bedrohte Männlichkeit wiederherstellen. Eine neuere Studie bestätigt diese These und zeigt, dass Homophobie unter Frauen und Männern am höchsten ist, die sich zwar als heterosexuell identifizieren, deren spontan gemessene Reaktionen dieser Identität aber mitunter widersprechen (Weinstein et al., 2012). Auch homophobe Äußerungen einiger Politiker oder evangelikaler Prediger können ein Versuch sein, sich gegen die eigene gleichgeschlechtliche Anziehung zu wehren.

Warum die Vorbehalte gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Trans*-Personen noch immer hoch sind, hat auch viel mit Unkenntnis zu tun. Unbekanntes erzeugt Unbehagen, Vertrautes erzeugt Sympathie. Dieser "Mere-Exposure-Effekt" ist eine fundamentale psychologische Gesetzmäßigkeit, die auf Musik, Werbebotschaften, Personen und vieles andere gleichermaßen zutrifft (Bornstein, 1989).

Viele Menschen kennen Lesben und Schwule nicht persönlich, sondern nur vom Hörensagen oder aus den Medien, wo sie nicht selten als Exoten, Witzfiguren oder sexbesessene Partymenschen dargestellt werden. Wer jedoch feststellt, dass eine Freundin lesbisch oder ein Kollege schwul ist, dessen Einstellung zu Homosexuellen verbessert sich meist (Smith, Axelton & Saucier, 2009). Dies gilt besonders für Menschen, die Homosexualität aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen ablehnen (Cunningham & Melton, 2013).

Man kann sich nicht entscheiden, homosexuell zu sein

Wer hingegen nie auf offene Lesben oder Schwule trifft, hält auch stärker an Fehlannahmen fest, etwa darüber, wie sexuelle Orientierungen entstehen. Einige Menschen glauben, dass Lesben und Schwule sich ihre sexuelle Orientierung selbst ausgesucht haben oder dass sie zur Homosexualität verführt wurden. Dies zeigt sich implizit auch in der Baden-Württemberger Petition gegen die Thematisierung sexueller Vielfalt in der Schule. Darin wird bemängelt, dass die "negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils" nicht genügend reflektiert werden würden. Der Autor der Petition meint offenbar, sexuelle Orientierung sei vergleichbar mit einer Lifestyle-Entscheidung. So wie man zwischen Bio-Produkten und konventionellen Lebensmitteln wählen kann, könne man sich auch für oder gegen Homosexualität entscheiden.

Je stärker Menschen glauben, dass sexuelle Orientierung eine freie Entscheidung ist oder durch die Umwelt beeinflusst wird, desto homophober sind ihre Einstellungen (z. B. Smith, Zanotti, Axelton & Saucier, 2011). Dabei mehren sich die Belege dafür, dass sexuelle Orientierung angeboren ist. Die Annahme, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung durch Verführung lernen, ist hingegen widerlegt (Rosario & Schrimshaw, 2014).

Um Homophobie zu bekämpfen, hilft es, mit solchen Fehlannahmen aufzuräumen oder direkt mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche sexuelle Identitäten haben. Mittlerweile gibt es deutschlandweit etwa 50 Projekte, in denen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Personen (größtenteils ehrenamtlich) Schulklassen oder Jugendeinrichtungen besuchen und sich dort den Fragen der Jugendlichen stellen. Darüber hinaus kann jede einzelne Lesbe oder Trans*-Person, jeder Schwule oder Bisexuelle in seinem persönlichen Umfeld Vorurteile abbauen. Es reicht meist, mit der eigenen sexuellen Identität so selbstverständlich umzugehen, wie Heterosexuelle das tun, sei es als Kollege am Arbeitsplatz, als Lehrerin, im Fußballverein oder in der Verwandtschaft.

Lehrkräfte sollten Akzeptanz vorleben

Selbst indirekter Kontakt wirkt sich positiv aus, beispielsweise, wenn Menschen von der Frau ihrer Cousine berichten oder einem Freund, der früher eine Frau war. Besonders wirksam sind solche Erfahrungen immer dann, wenn Autoritäten diese Kontakte fördern (Pettigrew & Tropp, 2006). Daher ist es hilfreich, dass Kultusministerien oder Schulleitungen empfehlen, sexuelle Vielfalt an der Schule zu thematisieren. Ebenfalls wünschenswert ist es, dass Verbände ihren Sportlerinnen und Sportlern Unterstützung zusichern, sollten sie sich entscheiden, ihre sexuelle Identität nicht länger zu verheimlichen.

Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten sich zudem starre Geschlechterrollen und ihre negativen Folgen bewusst machen. Eine Befragung in Berliner Schulen zeigt, dass sich ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer über Kinder und Jugendliche lustig machen, die sich nicht ihrem Geschlecht entsprechend verhalten. Damit demonstrieren diese Lehrkräfte ungewollt, was sich angeblich für "richtige Jungen" und "richtige Mädchen" gehört (Klocke, 2012). Die Geschlechternormen der Kinder und Jugendlichen verstärken sich. Auch die Bedrohung wächst, die gerade Jungen erleben, wenn sie "nicht männlich genug" sind. Daher braucht es besonders an Schulen Lehrkräfte und Vorbilder, die deutlich zeigen, dass es genauso akzeptiert wird, wenn Mädchen Fußball spielen und Jungen weinen.