Wer hingegen nie auf offene Lesben oder Schwule trifft, hält auch stärker an Fehlannahmen fest, etwa darüber, wie sexuelle Orientierungen entstehen. Einige Menschen glauben, dass Lesben und Schwule sich ihre sexuelle Orientierung selbst ausgesucht haben oder dass sie zur Homosexualität verführt wurden. Dies zeigt sich implizit auch in der Baden-Württemberger Petition gegen die Thematisierung sexueller Vielfalt in der Schule. Darin wird bemängelt, dass die "negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils" nicht genügend reflektiert werden würden. Der Autor der Petition meint offenbar, sexuelle Orientierung sei vergleichbar mit einer Lifestyle-Entscheidung. So wie man zwischen Bio-Produkten und konventionellen Lebensmitteln wählen kann, könne man sich auch für oder gegen Homosexualität entscheiden.

Je stärker Menschen glauben, dass sexuelle Orientierung eine freie Entscheidung ist oder durch die Umwelt beeinflusst wird, desto homophober sind ihre Einstellungen (z. B. Smith, Zanotti, Axelton & Saucier, 2011). Dabei mehren sich die Belege dafür, dass sexuelle Orientierung angeboren ist. Die Annahme, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung durch Verführung lernen, ist hingegen widerlegt (Rosario & Schrimshaw, 2014).

Um Homophobie zu bekämpfen, hilft es, mit solchen Fehlannahmen aufzuräumen oder direkt mit Menschen zu sprechen, die unterschiedliche sexuelle Identitäten haben. Mittlerweile gibt es deutschlandweit etwa 50 Projekte, in denen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*-Personen (größtenteils ehrenamtlich) Schulklassen oder Jugendeinrichtungen besuchen und sich dort den Fragen der Jugendlichen stellen. Darüber hinaus kann jede einzelne Lesbe oder Trans*-Person, jeder Schwule oder Bisexuelle in seinem persönlichen Umfeld Vorurteile abbauen. Es reicht meist, mit der eigenen sexuellen Identität so selbstverständlich umzugehen, wie Heterosexuelle das tun, sei es als Kollege am Arbeitsplatz, als Lehrerin, im Fußballverein oder in der Verwandtschaft.

Lehrkräfte sollten Akzeptanz vorleben

Selbst indirekter Kontakt wirkt sich positiv aus, beispielsweise, wenn Menschen von der Frau ihrer Cousine berichten oder einem Freund, der früher eine Frau war. Besonders wirksam sind solche Erfahrungen immer dann, wenn Autoritäten diese Kontakte fördern (Pettigrew & Tropp, 2006). Daher ist es hilfreich, dass Kultusministerien oder Schulleitungen empfehlen, sexuelle Vielfalt an der Schule zu thematisieren. Ebenfalls wünschenswert ist es, dass Verbände ihren Sportlerinnen und Sportlern Unterstützung zusichern, sollten sie sich entscheiden, ihre sexuelle Identität nicht länger zu verheimlichen.

Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten sich zudem starre Geschlechterrollen und ihre negativen Folgen bewusst machen. Eine Befragung in Berliner Schulen zeigt, dass sich ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer über Kinder und Jugendliche lustig machen, die sich nicht ihrem Geschlecht entsprechend verhalten. Damit demonstrieren diese Lehrkräfte ungewollt, was sich angeblich für "richtige Jungen" und "richtige Mädchen" gehört (Klocke, 2012). Die Geschlechternormen der Kinder und Jugendlichen verstärken sich. Auch die Bedrohung wächst, die gerade Jungen erleben, wenn sie "nicht männlich genug" sind. Daher braucht es besonders an Schulen Lehrkräfte und Vorbilder, die deutlich zeigen, dass es genauso akzeptiert wird, wenn Mädchen Fußball spielen und Jungen weinen.