ZEIT ONLINE: Als Klinischer Sexualpsychologe haben Sie 2004 das Präventionsprojekt Dunkelfeld mitgegründet. Mittlerweile ist daraus das Netzwerk Kein Täter werden geworden mit Standorten in acht Bundesländern. Sie betreuen Pädophile in Leipzig, die Sorge haben, zum Täter zu werden. Wie helfen Sie denen, kann man Pädophilie denn heilen?

Christoph J. Ahlers: Heilung ist ein Marketingbegriff der Medizinindustrie. Weniges lässt sich heilen im Sinne von auslöschen, aber wir können wirksam behandeln. Die sexuelle Präferenz eines Menschen – also ob er Frauen, Männer oder Kinder erregend findet – ist Bestandteil der Persönlichkeit. Persönlichkeitsmerkmale bleiben über die Lebensspanne weitgehend stabil. Gedanken und Empfindungen löschen zu wollen, ist also kein sinnvolles und realistisches Therapieziel. Wir unterstützen Pädophile dabei, ihre sexuellen Fantasien nicht in die Tat umzusetzen.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Nutzung von Bildern und Videos, auf denen Kinder zu sehen sind, in der Therapie?

Ahlers: Solche Aufnahmen spielen eine ganz große Rolle. Betroffene müssen als Erstes lernen: Ausleben der Sexualität mit Kindern fällt aus. Für immer. Das müssen die Patienten akzeptieren. Wer seine Sexualität nicht ausleben kann, sucht nach Ersatz – etwa in Form von Bildern oder Videos. Dabei tauchen Fragen auf: Was ist noch erlaubt, was verboten?

ZEIT ONLINE: Und Sie empfehlen Pädophilen, sich Darstellungen nackter Kinder anzusehen, die nach dem deutschen Strafrecht nicht als Kinderpornografie gelten?

Ahlers: Wir empfehlen gar nichts. Die meisten suchen im Internet ohnehin danach und geraten in ein Dilemma. Wir haben daher im Rahmen der Präventionstherapie ein Ampelsystem entwickelt. Es soll helfen, dass pädophile Männer keine Kinderpornografie konsumieren und dadurch straffrei bleiben. Grün steht für unverfängliche Fotos von Kindern, die nicht mit dem Ziel gemacht wurden, sexuelle Erregung hervorzurufen. Gleichwohl werden viele Pädophile schon beim Betrachten dieser Bilder erregt.

ZEIT ONLINE: Wie kann man sich unverfängliche Fotos von Kindern vorstellen?

Ahlers: Dazu zählen Bilder aus Wäschekatalogen, Fotos aus dem Schwimmbad oder Urlaubsvideos vom FKK-Strand, die ohne sexuelle Motivation aufgenommen wurden, und deren Besitz und Verbreitung nicht strafbar ist.

ZEIT ONLINE: Und was ist dann Gelb nach dem Ampelsystem?

Ahlers:
Erotikfotos und -filme, die Jungen und Mädchen leicht bekleidet oder nackt in erotischen bis sexuell aufreizenden Posen zeigen, das sogenannte Erotic Posing. Bei Gelb sind wir aber schon in einem Problembereich. Genau wie im Straßenverkehr: Wer bei Gelb nicht vom Gas geht und bremst, der läuft Gefahr, rot zu sehen.

ZEIT ONLINE: Und was wäre rot?

Ahlers: Die rote Phase ist dadurch definiert, dass Kinder durch die Fokussierung auf Genitalien und sexuelle Handlungen in pornografischer Weise dargestellt werden und es sich damit um die Dokumentation von sexuellem Kindesmissbrauch handelt. Das ist es, was umgangssprachlich als Kinderpornografie bezeichnet wird.

ZEIT ONLINE: Sie glauben, wenn alle Pädophilen nur grüne Bilder nutzen würden, wäre alles in Ordnung?

Ahlers: Selbst wer versucht, nur unverfängliche Bilder aus dem Netz zu laden, dazu aber nicht Google oder eine allgemeine Suchmaschine, sondern spezielle Anbieter, Foren oder Newsgroups aufsucht, unterstützt die Pornografie-Branche in ihrer vollen Bandbreite. Meist werden von denselben Kindern ganze Strecken fotografiert, die nach unserem Ampelsystem bei Grün anfangen, über Gelb weitergehen und bei Rot aufhören. Und für letztere werden de facto Kinder sexuell missbraucht. Warum der Markt so funktioniert? Weil jede der drei Kategorien eine spezielle Kundschaft hat.

Erlaubte Bilder als "Einstiegsdroge"?

ZEIT ONLINE: Werden Pädophile so nicht erst an harte Darstellungen von Sex mit Kindern herangeführt? Es ist doch denkbar, dass jemand, der mit grünen Sachen anfängt, eine zunehmend höhere Dosis braucht, um erregt zu werden und immer drastischere Darstellungen sehen will.

Ahlers: Darüber streiten Forscher seit Jahrzehnten – es ist derselbe Streit, der auch um die Auswirkungen von Gewaltvideospielen geführt wird. Bauen solche Spiele Aggressionen ab (Katharsis-Theorie) oder führen sie zu Gewalttaten (Theorie vom Modelllernen)? Berücksichtigt man alle Studien, die es bis heute dazu gibt, geht der Trend eher zum Modelllernen. Zumindest der Konsum von Posing-Bildern könnten die Impulse von Pädophilen steigern, schließlich auch Kinderpornografie zu konsumieren.

ZEIT ONLINE: Aber dann müssten Sie als Therapeut Ihre Patienten doch davon abbringen, so etwas anzuschauen, anstatt es noch zu unterstützen?

Ahlers: Wir können niemanden von etwas abbringen, was er nicht selber sein lassen will. Und das ist auch nicht unser Job. Wir unterstützen die Patienten auch nicht darin, irgendwelche Medieninhalte zu konsumieren, sondern darin, ihren ohnedies bestehenden Konsum nach dem Ampelsystem zu analysieren, zu problematisieren und zu reflektieren. Der Verstärkungseffekt betrifft, wenn überhaupt, nur die Grenze zwischen der gelben und der roten Kategorie – denn Darstellungen von Kindern, die baden, am Strand rumlaufen oder in Wäschekatalogen gezeigt werden, bilden normale Alltagsrealität ab. So etwas sehen wir alle also sowieso dauernd. Werden jedoch Kinder dazu angehalten, erotische Posen einzunehmen, kann das schon ein Verlangen auslösen, mehr sehen zu wollen. Deshalb trainieren wir mit den Patienten, sich nur im grünen Bereich zu bewegen. Schon wenn es in Richtung Gelb geht, sollte derjenige alarmiert sein. Deswegen heißt Gelb in der Ampel: Achtung! Potenzielle Gefahr für Kinder und für mich! Risikoverhalten, auf der Schwelle zum Problemverhalten!

Was ist Pädophilie? Die wichtigsten Fakten im Überblick. Klicken Sie auf das Bild, um den Artikel aufzurufen. © M.C. Hurek/dpa

ZEIT ONLINE: Haben Sie so einen Verstärkungseffekt schon bei Patienten erlebt?

Ahlers: Die meisten Pädophilen stellen sich zärtlichen Kontakt zu Kindern vor, etwa Streicheln, erotisches Küssen, Umarmen. Viele finden es erschütternd und abstoßend, wenn Vergewaltigungen von Kindern gezeigt werden. Die meisten sind sprachlos und schockiert, wenn sie so etwas im Netz entdeckt haben. Aber es tritt bei manchen auch ein fataler Effekt ein. Sie denken: Wenn es da draußen so etwas gibt, wenn so etwas Krasses wirklich gemacht wird, dann kann das, was ich mir wünsche, doch nicht so schlimm sein. Viele sind auch verstört, weil sie neben dem Entsetzen über das Gesehene trotzdem eine sexuelle Erregung gespürt haben.

ZEIT ONLINE: Heißt das, nur Pädophile haben ein Interesse an Darstellungen von sexuellem Missbrauch? Oder konsumieren auch andere Menschen Kinderpornografie?

Ahlers: Es gibt Leute, die nach pornografischen Darstellungen suchen und dabei Material, das Kinder zeigt, mit erwischen. Diese Dateien sind das, was man in der Fischerei als Beifang bezeichnet. Pädophile suchen dagegen gezielt und meist nur nach bestimmten Kinderbildern. Manche Menschen schauen sich extreme Darstellungen von Sex und Gewalt auch aus Sensationslust an – einer Mischung aus Schrecken, Ekel und Faszination. Findet die Polizei bei ihnen später solches Material, sagen viele, sie hätten es angeschaut, "weil es das eben gab". Und weil es so unglaublich war. Und wenn es das im Netz nicht gegeben hätte, wären sie nie darauf gestoßen und hätten nie danach gesucht.