Frage: Herr Reski, Sie sind aus Protest gegen das neue Paper von Gilles-Éric Séralini als Editor der Fachzeitschrift BioMed Research International zurückgetreten. Warum das?

Ralf Reski: Ich habe zu meinem Schrecken festgestellt, dass das ein Journal ist, bei dem ich Editor bin. Dann habe ich mir das Paper angeguckt, es geht um den Einfluss verschiedener Pestizide auf bestimmte Zellkulturen. Diese Ergebnisse jetzt auf Organismen hochzurechnen, fand ich schon ein bisschen schwierig. Dann habe ich mir den Diskussionsteil angesehen und fand dort erneut diese nicht von Ergebnissen belegten vollmundigen Behauptungen, die sich gegen Gentechnik richten. Das heißt für mich letztendlich, dass dieses Paper zusammengenommen im Grunde wieder das Gleiche ist wie die inzwischen diskreditierte und zurückgezogene Rattenstudie. Das heißt, er zieht aus wissenschaftlich nicht unbedingt haltbaren Versuchen wieder eine politische Kampagne. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte nicht, dass mein Name mit einem Journal in Verbindung gebracht wird, das solchen Praktiken eine Plattform bietet.

Frage: Ihr Kritikpunkt ist also, dass die Studie eher politisch als wissenschaftlich ist?

Reski: Genau. Das ist wieder wie Séralinis Rattenstudie von 2012, die wissenschaftlich nicht haltbar war. Ich bin natürlich kein Toxikologe und habe die Versuche nicht im Detail nachvollzogen, ich habe mich wie bei dem Rattenversuch mit der Statistik auseinandergesetzt. Die Versuche sind einfach nicht adäquat, um die Frage nach der Giftigkeit der Pestizide für Menschen zu beurteilen, ohne dass ich da jetzt in die Details gehe. Und daraus dann große Schlüsse mit Presseerklärung zu ziehen, halte ich einfach für unwissenschaftlich.

Frage: Wie haben Sie bemerkt, dass es ein Problem mit einer Veröffentlichung gibt?

Reski: Eigentlich habe ich sozusagen die Bugwellen erst über Twitter mitbekommen, und dann habe ich einen Link zum Artikel gefunden. Séralini hat wie bei seiner Rattenstudie zuerst eine Pressemitteilung mit vollmundigen Behauptungen abgegeben, bevor das Paper überhaupt veröffentlicht war. Dann habe ich mir den Zeitraum zwischen Einreichen und Veröffentlichung der Studie angeguckt, das waren sechs Wochen, was für dieses Journal ziemlich kurz ist. Da ich den für das Paper verantwortlichen Editor nicht vom Namen her kenne, habe ich dann im Internet versucht, Informationen über ihn zu bekommen. Ich konnte kaum Informationen finden, er hatte keine Homepage und keinen Lebenslauf, das heißt dann vielleicht schon, dass das nicht unbedingt jemand ist, der großes wissenschaftliches Ansehen genießt.

Frage: Welche Funktion hat der verantwortliche Editor bei so einer Fachzeitschrift?

Reski: Als Editor habe ich Manuskripte zugeteilt bekommen, die Wissenschaftler eingereicht haben. Ich wähle dann zwei bis drei Gutachter aus, leite den Begutachtungsprozess und entscheide hinterher: Wird das Manuskript zur Veröffentlichung angenommen oder nicht? Der Einfluss eines Editors auf die Qualität eines veröffentlichten Papers ist also schon relativ hoch. Viel hängt davon ab, welche Referees man auswählt und wie man selbst am Ende des Prozesses entscheidet, ob das Paper angenommen wird, in Revision muss oder abgelehnt wird. Das Journal akzeptiert diese Entscheidung dann in der Regel. Für die Paper, die mir zugeschickt werden, habe ich eine relativ große Verantwortung. Das heißt aber nicht, dass ich automatisch alle anderen Paper im Journal lese. Die Zeitschrift entscheidet einfach auf Grund der individuellen Expertise der Editoren, welche Manuskripte sie zugeteilt bekommen.

Frage: Worauf deutet es hin, wenn ein Review-Prozess besonders kurz ist? Schleust so eine Zeitschrift kontroverse Veröffentlichungen schneller durch, um bekannter zu werden?

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Reski: Nach meiner Erfahrung sind sechs Wochen bei dieser Zeitschrift einfach extrem kurz, und das deutet für mich darauf hin, dass der Editor ein Interesse daran hat, das schnell durchzuziehen. Die Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen Editors sind inzwischen unglaublich hoch, ich habe zumindest in meinem Bereich nie erlebt, dass jemand eine Entscheidung des Editors revidiert hat. Ob auch jemand beim Journal dieses Paper explizit wollte, das weiß ich nicht. Aber es generiert natürlich Aufmerksamkeit. Das ist selbst bei den Hochglanzjournals wie Cell, Nature oder Science so, die man ja auch nicht völlig vom Verdacht freisprechen kann, dass sie gezielt spektakuläre Studien veröffentlichen, die großen Wirbel verursachen – einfach um noch bekannter zu werden.

Frage: Jetzt werden sicher Vorwürfe kommen, dass solche Probleme bei anderen Autoren eher mal weniger streng gesehen werden als jetzt bei Séralini. Ist das stichhaltig?

Reski: Séralini hat sich spätestens mit seiner Rattenstudie von 2012, aber eigentlich schon auch mit seinen früheren Publikationen seit 2004, wissenschaftlich diskreditiert. Er publiziert, um es vorsichtig zu sagen, Ähnliches mehrfach, auch im Fall dieser Studie. Auch wenn jemand wie Séralini, der schon eine Studie zurückziehen musste, vorab Pressekonferenzen gibt und Geheimhaltungsvereinbarungen mit Journalisten abschließt, macht er sich als Wissenschaftler unglaubwürdig. Ich denke, wenn man sich als Wissenschaftler – und das gilt für alle Wissenschaftler – an irgendeinem Punkt diskreditiert hat, sollten Editoren bei seinen Veröffentlichungen besonders aufmerksam hingucken, statt sie möglichst schnell durchzuwinken. Ich hätte nicht abgelehnt, das Séralini-Paper zu begutachten, nur weil Séralini draufsteht, aber ich hätte sehr wohl darauf geachtet, dass ich Gutachter finde, die das wissenschaftlich gründlich bewerten. Ich bin absolut dagegen, jemandem das Publizieren zu verbieten, aber das Manuskript muss wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. 

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