Wenn selbst Experten das Kauderwelsch eines Tagungsberichts nicht verstehen, dann hat vielleicht kein Wissenschaftler ihn geschrieben, sondern ein Zufallsgenerator. Der Informatiker Cyril Labbé von der Universität Grenoble hat jetzt einen Fall aufgedeckt, wonach es 120 computergenerierte Artikel in den Jahren 2008 bis 2013 in Fachzeitschriften für Informatik schafften. Ihr Inhalt: kompletter Unsinn.

Wie das Wissenschaftsmagazin Nature in seiner News-Sparte berichtet, ist vor allem der weltweit größte Berufsverband für Techniker und Informatiker als Herausgeber betroffen – das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) mit Sitz in den USA. Er gibt Dutzende Fachmagazine heraus.

Mehr als 100 Nonsensschriften erschienen, offenbar völlig ungeprüft, in IEEE-Publikationen. 16 wurden in Informatik-Fachzeitschriften des Heidelberger Springer-Verlags veröffentlicht. Labbé hat die beiden Verlage nach seiner Entdeckung kontaktiert. Die Fake-Artikel – hauptsächlich als Kongressberichte ausgegeben – sollen jetzt aus den Datenbanken entfernt werden. Wer sie eingereicht hat und warum, ist bislang nicht bekannt.

Herausgeber ignorierte Warnungen vor Fake-Artikeln

Als Beispiel erwähnt Labbé den IEEE-Tagungsband zu einer Konferenz, die 2013 im chinesischen Emeishan stattfand. Darin steht ein Artikel, in dem es um die Methodologie des Aufbaus von E-Commerce gehen soll. In Wirklichkeit steht darin aber nur Quatsch, willkürlich zusammengestückelt. Immerhin scheint der Urheber Namen realer Wissenschaftler als Autoren angegeben zu haben. Ein genannter Co-Autor, den die Nature-Redaktion kontaktierte, sagte, er habe nichts mit dem Beitrag zu tun und erst auf Umwegen erfahren, dass sein Name darin erwähnt worden sei.

Cyril Labbé beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fällen. Bereits 2012 berichtete er in der Zeitschrift Scientometrics von 85 gefälschten Beiträgen in Publikationen des US-Informatiker-Verbandes. Entdeckt hatte er sie mittels einer selbst entwickelten Software. Labbé informierte das IEEE, woraufhin Verbandsvertreter beteuerten, ihre Review-Prozesse zu verbessern. Im Dezember 2013 entdeckte Labbé dann neue Fake-Artikel beim IEEE. Offenbar gibt es im Verlag des Verbandes weiterhin keine funktionierende Kontrolle.

Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft steht infrage

Der Fall wirft grundsätzliche Fragen nach der Qualität des Peer-Review-Prozesses in Wissenschaftsverlagen auf. Erst im Oktober 2013 hatte John Bohannon aufgedeckt, dass Artikel häufig ungelesen gedruckt oder in Onlineportale der Verlage gestellt werden. Der Biologe und Wissenschaftsjournalist hatte ein unsinniges Manuskript bei mehr als 300 Zeitschriften eingereicht, die von Autoren Gebühren erheben (Pay-to-publish-Verfahren), die etwas veröffentlichen wollen, und für Leser kostenlos sind. 60 Prozent der Zeitschriften-Redaktionen akzeptierten das Manuskript und kassierten das Geld. Ein klares Anzeichen dafür, dass kein Wissenschaftler Bohannons Beitrag je zu Gesicht bekommen hat. 

In dem jetzt aufgedeckten Fall sind sogar Zeitschriften betroffen, für die Abonnenten sich anmelden und zahlen müssen. Gerade wenn Fachartikel nicht frei verfügbar, sondern nur gegen Gebühr zu lesen sind, sollte man ein Minimum an Qualitätssicherung erwarten. Labbé zweifelt nach seinen neuen Funden allerdings daran, ob große Fachverlage und Herausgeber von Kongress-Zeitschriften bessere Standards haben als Pay-to-publish-Anbieter.

Eigentlich soll in Fachverlagen ein Gremium aus Experten Artikel nicht nur auf ihre Form, sondern vor allem auf ihre Seriosität, fachliche Qualität und Relevanz prüfen, Methoden kritisch hinterfragen und einer Veröffentlichung nur nach so einer Kontrolle zustimmen. Selbstredend muss auch geprüft werden, ob die Autoren überhaupt existieren, an den genannten Universitäten forschen und Urheber der Texte, Grafiken und Bilder sind.