Der Mann ist tot, es lebe der Mann. Niedergeschrieben wurden die Männer, publizistisch regelrecht zerfleischt, intellektuell auseinander genommen, bis von ihnen nichts mehr blieb als ihr bloßes Vorhandensein. Die Herrschaft des Patriarchats ist endgültig gebrochen, vielleicht noch nicht endgültig, aber die Risse lassen sich nicht mehr kitten, das Fundament bröckelt.  

Mitten in diese Agonie platzt jetzt ein japanisch-brasilianisches Forscherduo (beide, nun ja – männlich) mit einer Entdeckung herein, die unsere Geschlechter-Debatten zu gestrigem Geschnatter disqualifizieren könnte. Bestenfalls.     

Die Forscher entdeckten in brasilianischen Höhlen heimische Staubläuse (Psocoptera), bei denen die Geschlechtsorgane von Männchen und Weibchen vertauscht sind. Bei einigen Arten dieser winzigen Insekten tragen die Weibchen eine Art Penis und die Männchen ein Organ, das einer Vagina ähnelt. Von beiden machten die Wissenschaftler Nahaufnahmen. Noch nie zuvor hat man im Tierreich eine derartige Umkehrung der Geschlechter entdeckt.

Doch der Reihe nach. Die beiden Forscher Kazunori Yoshizawa von der Hokkaido-Universität im japanischen Sapporo und Rodrigo Ferreira von der staatlichen Lavras-Universität in Brasilien, teilen eine Leidenschaft, zu deren freud’scher Ausdeutung Volkshochschulgruppen, die gerade in die Tiefenpsychologie einsteigen, herzlich eingeladen sind. Die beiden interessieren sich für Höhlen. Genauer gesagt für Lebewesen, die es dort zu entdecken gibt. Herr Ferreira, der als Koryphäe in der Erforschung von Höhlen-Ökosystemen gilt, stieß auf einem seiner Streifzüge auf weißliche mit Flügeln ausgestattete Insekten. Darunter Arten von Staubläusen, die der Welt bisher vorenthalten geblieben sind.  

Die weibliche Staublaus kann Männchen begatten

Er zog Herrn Yoshizawa zurate, der auf dem Gebiet der Insektenkunde ebenfalls als eine echte Kapazität betrachtet werden kann, und legte ihm die nur wenige Millimeter großen Staublaus-Exemplare der Gattung Neotrogra vor. Herr Yoshizawa schaute sich das Ganze unter dem Mikroskop an. Ob er einen Freudenschrei oder einen Laut des Entsetzens von sich gab, als er bemerkte, womit er es hier zu tun hatte, ist nicht überliefert. Fest steht: Seine Augen sahen in jedem Moment zum ersten Mal eine Struktur, zu der sich die Evolution bislang noch nicht hatte hinreißen lassen, oder zumindest wusste die Menschheit nichts davon: einen Frauenpenis – um es mal mit den Worten menschlicher Geschlechterzuteilung zu sagen. Dieses weibliche penisartige Organ ist ausgestattet mit Ligamenten, die sich beim Kopulieren im Genitalbereich des Männchen verankern, der einer einfachen Vagina ähnelt. 

Überlassen wir Herrn Yoshizawa das Wort: "Weil die weibliche Ankerkraft sehr stark ist, kann die männliche Gegenwehr Schaden an seinen Genitalien verursachen. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass der gesamte Paarungsprozess aktiv vom Weibchen kontrolliert ist, um mehr Samen von den Männchen abzubekommen. Der weibliche Penis mit Ankerfunktion ist das ultimative Werkzeug, um die Kopulation aktiv zu kontrollieren". Hinzu kommt, dass der Paarungsakt dieser Tiere 40 bis 70 Stunden dauert. Normalerweise. Was soll man dazu noch sagen? Nachzulesen ist das in der neusten Ausgabe des Fachmagazins Current Biology. 

Für das Steinlaus, äh, nein Staublaus-Weibchen ist der männliche Samen eine willkommene Abwechslung zur üblichen Kost. Die rangiert normalerweise zwischen Fledermausdung und Fledermausaas.

Wohin führt uns diese Entdeckung nun? Der Mann, seines ureigensten Identitätsmerkmals beraubt, führt zwar das traurige Leben eines Samenspenders, ist aber plötzlich der von allen Seiten umworbene. Und die Frau hat zwar alle Instrumente der Unterdrückung in ihrer Hand. Sie bestimmt die Regeln des Spiels. Doch sie muss sich von Fledermauskot ernähren, was ein hoher Preis ist. 

Solche Erkenntnisse kommen aus der Dunkelheit brasilianischer Höhlen. Eine Menge Gender-Sprengstoff liegt dort noch verborgen.Von den 150.000 Höhlen sind kaum zehn Prozent überhaupt entdeckt. Mit Sicherheit finden wir dort endlich Antworten, die uns weiterbringen in der Frage, wie es zwischen Mann und Frau weitergehen soll. Denn die neu entdeckte Insektenvariante ist zwar spannend, doch taugt sie höchstens als Extrem-Argument tumber Fortschrittsverweigerer, die sich in Talkshows setzen und dort verkünden, dass sie schon wüssten, wohin die ganze Mann-und-Frau-Debatte führen werde: Ins Höhlenzeitalter, ist brasilianische nämlich!