ZEIT ONLINE: Sie haben in den neunziger Jahren den Begriff der Erlebnisgesellschaft geprägt. Klingt nach Spaß und Abenteuer, viel Freizeit und wenig Arbeit …

Gerhard Schulze: In den Achtzigern kam das Bedürfnis, sich um mehr als das reine Überleben zu kümmern, in voller Breite in der Gesellschaft an. Seit dem Kriegsende hatten die Menschen eine kontinuierliche Steigerung des Lebensstandards erfahren. Allmählich entdeckten sie an sich selbst, was bereits Schiller formuliert hatte: Dass sie ihre Erfüllung finden, wenn sie spielen. Mehr und mehr wurden sie eine Erlebnisgesellschaft.

ZEIT ONLINE: Der Begriff war rasch negativ besetzt, Kritiker sprachen von einem kollektivem Freizeitpark, von einer Spaßgesellschaft mit geringem Verantwortungsgefühl. Zu unrecht?

Schulze: Die deutsche Spaßfeindlichkeit ist langlebig. Nach dem Nationalsozialismus kamen Jahrzehnte verdrängten Schuldbewusstseins und unverhüllter Glücksfeindschaft. In den USA oder Frankreich beispielsweise geht man mit den Lebensthemen Vergnügen, Freude, Sinnlichkeit frei und gelöst um. Aber wir Deutschen lernen dazu. Die Frage, was wir außer Arbeit in unserem Leben haben wollen, beherrscht die Medien heute querbeet.

ZEIT ONLINE: Hat sich auch die Einstellung zur Arbeit verändert?

Schulze: Es ist ganz eindeutig, dass die Menschen Sinn, Erfüllung und Freude von ihrem Beruf erwarten. Sie wollen nicht mehr nur für ihre Arbeit leben, sie soll ein lohnendes Erlebnis sein.

ZEIT ONLINE:  Widerspricht sich das nicht?

Schulze: Es ist kein Gegensatz, sich selbst verwirklichen zu wollen und zugleich Arbeit als wertvollen Teil des Lebens zu sehen. Der Anspruch, sich im Beruf selbst entfalten zu können, wird von immer mehr Leuten gestellt. Arbeit gilt als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Wünsche und Träume.

ZEIT ONLINE: Was, wenn ich meinen Job mag, aber nicht zwingend Karriere machen will? Wenn es mir nur darum geht, etwas zu tun, was ich gut kann, ohne dass es mein Lebensinhalt sein muss?

Schulze: Da sitzen Sie wirklich einer ganz klassischen und historisch überholten Unterscheidung auf: nämlich dass Arbeit Zwang ist und sich nur in der Freizeit etwa beim Fischen, Flirten oder Flanieren wahre Freude erleben lässt. Leider erleben immer noch viele Menschen ihre Arbeit negativ, doch die Akzeptanz dafür ist viel geringer als früher.

ZEIT ONLINE: Wie definiert die Sozialforschung Selbstverwirklichung?

Schulze: Die Sozialforschung soll Menschen beobachten und deren Begriffe aufgreifen, statt sie mit einem fertigen Schema zu beurteilen. Sonst wäre sie eine Philosophie, die einen inneren Kern voraussetzt, der verwirklicht werden muss. Diese Vorstellung findet sich hier und da auch in der Psychotherapie und im Alltagsdenken als letzter Gruß der mittelalterlichen Seelen-Lehre. Aber die moderne Sozialforschung sieht den Menschen ganz anders: nicht als jemand, der etwas Bestimmtes ist, sondern der etwas Bestimmtes tut, oft genug Gegensätzliches und Unerwartetes. In diesem Tun entsteht Selbsterfahrung.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Sie persönlich?

Schulze: Ich sehe mich als einen Wandernden, der verschiedene Wege ausprobiert, neuen Landschaften und Menschen begegnet und in diesen Begegnungen das findet, was das Leben sinnvoll macht.

ZEIT ONLINE: Also Selbstverwirklichung als Reflexion.

Schulze: Sie kommen nicht los von dem Begriff, was?

ZEIT ONLINE: Nein, denn er taucht in so vielen grundlegenden Fragen auf: Wer bin ich? Wie kann ich trotz der Aufgaben, die ich täglich zu bewältigen habe, ich selbst sein? Ich soll so viel, aber was will ich eigentlich?

Schulze: So eine Frustration ist mir nicht unbekannt. Ich würde das Problem bloß nicht mit dem Begriff der Selbstverwirklichung beschreiben, sondern es tätigkeits- und situationsorientiert auffassen. Es gibt in meinem Leben Situationen, in denen ich keine Möglichkeit habe, etwas anderes zu tun, als das, was ich tun muss. Und es gibt Situationen, von denen ich vorab noch nicht weiß, was sie mit mir machen werden. Einfaches Beispiel: das Klavierspiel. Ich übe derzeit eine Sonate. Das ist harte Arbeit. Ich habe das Werk, es gibt das Instrument, mich und meine begrenzten Fähigkeiten sowie den Plan, wie ich mich dem perfekten Spiel annähre. Da tritt nicht etwas Inneres von mir endlich zu Tage, sondern ich trete in Beziehung mit etwas. Darin liegt für mich das Lohnende.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie es denn nennen, wenn nicht Selbstverwirklichung?

Schulze: Ich nenne es Begegnung. In Situationen, in denen ich der Welt gegenübertrete – seien es andere Menschen, die Natur, ein Kunstwerk oder eine Aufgabe – und mich konzentriert mit dem beschäftige, was gerade in meinem Fokus ist. Begegnung ist der Moment, in dem ein Funke zwischen mir und der Welt überspringt. Mehr brauche und will ich nicht, wenn ich nach Erfüllung suche. Und das ist es, was für mich an die Stelle der klassischen, fehlkonzipierten Selbstverwirklichung getreten ist.