Strauße sind stattlich, anmutig und prächtig in ihrem Federkleid. Vögel wie aus dem Bilderbuch. Wäre da nicht eine Kleinigkeit: Sie können nicht fliegen. Ein Makel, den sie mit anderen Laufvögeln wie Kiwis oder den bereits ausgestorbenen Elefantenvögeln gemein haben. Wie also ist es ihnen gelungen, die entlegensten Flecken unseres Planeten zu bevölkern, von Afrika über Neuseeland bis Madagaskar?

Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich die Familie der Laufvögel, auch Ratiten genannt, zwangsweise mit dem Zerfall des Urkontinents Gondwana aufspaltete. Nun legt eine Studie nahe: Die Vorfahren der Federviecher wussten sehr wohl, wie man die Flügel schwingt – und eroberten so die Welt. Erst später seien verschiedene Arten entstanden (Mitchell et al., 2014).

Einst dominierte der Großkontinent Gondwana die Südhalbkugel. Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien, Arabien, Madagaskar, Neuguinea, Indien, alles war damals eine einzige Landmasse. In der frühen Kreidezeit vor 130 bis 100 Millionen Jahren jedoch spalteten sich Afrika und Madagaskar ab. Eine Theorie besagt daher, dass der Afrikanische Strauß und der Elefantenvogel aus Madagaskar die ältesten Zweige des Laufvogel-Stammbaums sind. Mit ihnen soll alles angefangen haben.

DNA-Analysen mischen die Abstammungsgeschichte auf

Tatsächlich bescheinigen Untersuchungen dem Strauß ein langes Dasein auf dem Planeten. Für Elefantenvögel (Aepyornithidae) jedoch stand derlei Forschung bis jetzt noch aus.

Der Evolutionsbiologe Kieren Mitchell von der University of Adelaide hat die DNA von Exemplaren der zwei bekannten Elefantenvogel-Gattungen sequenziert und analysiert, um ihre Abstammungsgeschichte zu klären. Das Erbgut stammt aus Überresten der ausgestorbenen Tiere. Das überraschende Ergebnis, das Aepyornis und Mulerornis lieferten: Die großen Vögel sind quasi Schwestern des kubbeligen Kiwi. Und Strauße – die als gemeinsamer Vorfahre aller Laufvögel gelten – sind nicht mehr als entfernte Verwandte.

"So weit wir wissen, hat bislang noch keine Studie dies überhaupt nahegelegt, vermutlich aufgrund der unterschiedlichen Morphologie, Ökologie und Verbreitung beider Spezies", schreibt Mitchell im Magazin Science. Während Elefantenvögel beispielsweise zu den Pflanzenfressern gehören und tagaktiv sind, verschlingen Kiwis alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, und fühlen sich nachts besonders wohl.

Möge das Äußere über die Verwandtschaft hinwegtäuschen, die DNA-Analyse liefert den eindeutigen Beweis. Die bisherige Theorie vom Strauß als Urvater aller Laufvögel sei nicht mehr haltbar, ein lang gehütetes Familiengeheimnis gelüftet. "Vielmehr scheint es so zu sein, dass es einen gemeinsamen Vorfahren gab, der über weite Strecken fliegen konnte", schreibt Mitchell. Später erst, wohl nach dem Aussterben der Dinosaurier, hätten sich die großen Arten entwickelt, die wir heute noch sehen.

Wer ist nun mit wem verwandt?

"Es ist schon seit Längerem vermutet worden, dass die flugunfähigen Ratiten von flugfähigen Vorfahren abstammen und nach Madagaskar, Neuseeland et cetera geflogen sind", sagt der Vogelforscher Gerald Mayr vom Senckenberg Institut in Frankfurt. Die neue Studie scheine diese Annahme zu stützen, zumal vor Kurzem auch flugfähige Vorfahren von Kiwis aus dem Miozän Neuseelands beschrieben wurden.

"Die nahe Verwandtschaft von Kiwis und Elefantenvögeln hingegen ist höchst überraschend", sagt Mayr. Bis vor Kurzem wurden Kiwis für die nächsten Verwandten der ebenfalls neuseeländischen Moas gehalten. Laut der neuen DNA-Daten gelten sie nun als nächstverwandt mit den südamerikanischen Steisshühnern. Damit wird es auch unwahrscheinlicher, dass ihre Vorfahren einst gemeinsam eine Landmasse bewohnt haben und sich allein durch Wanderungen voneinander entfernten. Vielmehr konnten die Urahnen der Laufvögel wohl tatsächlich fliegen. Für glaubwürdig hält Mayr die Interpretation allemal, das Team der Studie habe lange Erfahrung in der Analyse alter Erbgutfragmente.    

Gleichzeitig liegt für ihn in genau dieser Untersuchung die größte Schwäche der Studie. "Die Untersuchungen werden bisher nur durch mitochondrielle Gene gestützt, die am einfachsten aus Fossilmaterial zu gewinnen sind", erklärt Mayr. Ob die Ergebnisse den tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnissen entsprechen, könne erst sicher gesagt werden, wenn es zusätzliche, unabhängige Hinweise gibt. Etwa mittels Analysen von Genen aus dem Zellkern, die sich unabhängig von den mitochondriellen Genen entwickeln.