"Wenn uns ein Neandertaler begegnen würde, würden wir sein Gesicht als fremd erkennen", sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig. Die große Nase zum Beispiel würde jedem auffallen, ebenso die Wülste über den Augen und der kräftige Kiefer. Diese charakteristischen Gesichtszüge entwickelten die Neandertaler jedoch nicht plötzlich. Vielmehr sind einige davon bereits bei den Frühmenschen vor 430.000 Jahren erkennbar, deren Schädel Juan-Luis Arsuaga von der Complutense-Universität in Madrid und seine Kollegen jetzt in der Fachzeitschrift Science beschreiben (Arsuaga et al. 2014). Die Überreste stammen aus der Höhle Sima de los Huesos ("Knochengrube") in der Sierra de Atapuerca im Norden Spaniens. Die Wurzeln der Neandertaler sind also viel älter als bisher angenommen: "Im Studium haben wir noch gelernt, dass diese Menschenlinie nur hunderttausend Jahre alt ist", erinnert sich der 60-jährige Hublin.

Neu entdeckte Fossilien und Erbgutanalysen von Frühmenschen haben diese Schätzung inzwischen korrigiert. Hublin ordnet die Ergebnisse seiner Kollegen in einem Kommentar ein: Irgendwo im Westen der riesigen Landmasse Eurasiens spaltete sich vor 400.000 bis 500.000 Jahren eine Gruppe Hominiden von anderen Linien im Osten Asiens und in Afrika ab. Und genau in dieser Schlüsselzeit vor etwa 430.000 Jahren lebten die Frühmenschen in der nordspanischen Sierra de Atapuerca.

Diese Knochengrube ist eine wahre Schatzkammer. Während in anderen Gegenden nur kleine Einzelteile uralter Skelette aus dem Pleistozän gefunden werden, haben die Anthropologen dort rund 7000 Überreste von mindestens 28 Menschen ausgegraben – das sind mehr Fossilien als irgendwo sonst. 17 Schädel haben die Forscher zusammengesetzt und erstmals beschrieben, viele sind fast vollständig erhalten.

Erst das Gesicht, später das Gehirn

Vor 430.000 Jahren hatten demnach das Gesicht und vor allem der Kauapparat bereits deutliche Neandertaler-Merkmale, schreiben Arsuaga und seine Kollegen. Die Schädelhöhle mit dem Gehirn ähnelt dagegen primitiveren Funden aus früheren Epochen. Das Mosaikmuster spricht für eine allmähliche Ausbildung dieser Eigenschaften.

Die Entwicklung bis dahin schildert Hublin: Menschen lebten bereits vor 850.000 Jahren an den Rändern der Wälder, die damals zum Beispiel im heutigen England wuchsen. 200.000 Jahre später stießen die Gletscher aus dem Norden weit bis nach Mitteleuropa vor und vernichteten damit einen großen Teil des Lebensraums der Frühmenschen. Das Eis kam etwa aller hunderttausend Jahre wieder und drängte die Menschen im Westen Eurasiens in eine Sackgasse. Oft überlebten nur kleine Gruppen. Dass sie untereinander kaum Kontakt hatten, verraten heute Erbgutanalysen.

Katastrophale Ereignisse dezimierten die frühen Menschen

"Das sind optimale Voraussetzungen für einen Gendrift. Dabei bleiben bestimmte Eigenschaften zufällig erhalten und andere verschwinden", sagt Hublin. Das Eis tötete wohl immer wieder isoliert lebende Menschengruppen. Mit ihnen starben alle Erbeigenschaften aus, die es nur dort gab. Im Laufe der Zeit blieben zufällig einige Eigenschaften übrig, die zum Beispiel die auffälligen Gesichtszüge der Neandertaler formten. Solche "genetischen Flaschenhälse" – katastrophale Ereignisse, die nur ganz wenige Menschen überlebten – erklären wahrscheinlich auch eine Erbgutanalyse, mit der EVA-Forscher Matthias Meyer bereits im Dezember 2013 die Knochengrube in die Schlagzeilen brachte.

Der Leipziger Forscher hatte Knochen von der gleichen Menschengruppe untersucht, deren Neandertaler-Gesichter Juan-Luis Arsuaga jetzt beschreibt. Allerdings zeigte das Erbgut der Mitochondrien, also der Minikraftwerke in den Zellen, dass diese Hominiden nicht etwa mit den Neandertalern, sondern mit den Denisova-Menschen eng verwandt waren. Das ist eine weitere Menschenlinie, deren allenfalls 100.000, vielleicht auch nur 40.000 Jahre alten Überreste bisher nur in einer Höhle im Altai-Gebirge Sibiriens ausgegraben wurden – weit entfernt von Nordspanien.