"Häufig wurde nur geschaut: Haben die einzelnen Tiere Federn oder nicht", sagt Rauhut. Sein Team aber habe dank des neuen Archaeopteryx-Fossils erstmals die Möglichkeit gehabt, die Körperbedeckung im Detail zu vergleichen. "Auffällig war die Variabilität der Federn", sagt der Paläontologe. Sie hätten Daunenfedern, Deckfedern und Schwungfedern gefunden – auch unter Spezies, die als nicht flugfähig gelten. "Die für den Flug wichtigen Konturfedern sind also mehrfach und unabhängig entstanden", sagt er. Seine Schlussfolgerung: Sie seien schon weit vorher wichtig gewesen, etwa für die Balz oder weiteres Sozialverhalten.

"Das halte ich für nicht überzeugend", sagt der Vogelforscher Gerald Mayr vom Senckenberg Institut in Frankfurt. Die Struktur von Konturfedern sei äußerst komplex. "Sie sind stark verästelt und ermöglichen damit eine kompakte Fahne", erklärt er. Das ergebe nur für eine Tragfläche Sinn, "für eine Schaustruktur würde auch eine bunte Schuppe reichen". Warum also eine so komplizierte Struktur ausbilden, die nur dazu dient, sich zu präsentieren, um sie dann später ohne jede Veränderung doch noch zum Fliegen zu nutzen? Die Federn der Xiaotingia etwa würden haargenau aussehen wie heutige Vogelfedern. "Es ist biologisch unplausibel, dass sie nie zum Flug genutzt wurden."

Hier kommt der Stammbaum ins Spiel. "Er ist keineswegs gut gestützt und es gibt zahlreiche konkurrierende Modelle", sagt Mayr. Die Xiaotingia sind laut anderer Studien beispielsweise weit näher mit Archaeopteryx verwandt, als von Rauhut und Kollegen beschrieben (Xu et al., 2011). Nehme man dazu die Theorie, dass einige Spezies zunächst fliegen konnten, die Fähigkeit aber wieder verloren haben, während sie die Federn behielten, dann sei die neue These nicht haltbar. "Der Ansatz der sekundären Flugunfähigkeit ist weit sinnvoller", sagt Mayr.

Gegensätzlicher könnten die Interpretationen also kaum sein – kein unbekanntes Problem in der Paläontologie, schließlich gibt es zumeist nur wenig Funde und noch weniger, die gut vergleichbar sind. Das ist Mayr und Rauhut nur allzu bewusst. "Vor allem die chinesischen Fossilien, die eine wesentliche Rolle für den Stammbaum spielen, sind oftmals schlechter erhalten als Archaeopteryx-Funde, die Daten daher nur bedingt belastbar", sagt Rauhut. Beide Forscher sind sich daher einig, dass man dringend weitere Knochen zutage fördern müsse.

Wenn Rauhut sich ein Fossil wünschen dürfte? "Wir bräuchten noch mehr gefiederte Raubsaurier aus dem Übergang." Vor allem Tiere, deren Federn hervorragend erhalten sind. Da würde er sich gern durchwühlen.