Es war die Zeit der Vögel: Die Dinosaurier waren ausgestorben, vom Menschen noch keine Spur. Vor 25 Millionen Jahren herrschten perfekte Bedingungen, um die Welt zu erobern. Wie Pelagornis sandersi, der gefiederte Koloss. Er war doppelt so groß wie ein Albatros und ist der größte bisher bekannte flugfähige Vogel aller Zeiten – mit gewissen Startschwierigkeiten (Ksepka, 2014). 

Bereits 1983 waren Bauarbeiter in Charleston auf das Fossil des Urzeit-Vogels gestoßen. Rasch war klar: Hier liegt etwas Großes. Einzelne versteinerte Knochen konnten die Helfer nur mit Hilfe eines Baggers bergen. "Allein der obere Flügelknochen war länger als mein Arm", sagt Studienautor Daniel Ksepka, Paläontologe am National Evolutionary Synthesis Center, der anhand der Fossilien nun das Flugverhalten am Rechner simuliert hat. Insgesamt umfasst der Fund mehrere Flügel- und Beinknochen sowie einen vollständigen Schädel. 

Dank des charakteristischen Schnabels hat Ksepka den Vogel den Pelagornithiden zuordnen können. Die ausgestorbene Gruppe riesiger Seevögel ist bekannt für die knöchernen, zahnähnlichen Spitzen, die Ober- und Unterkiefer zierten. Das nun untersuchte Exemplar unterscheidet sich jedoch in wesentlichen Merkmalen von den bisherigen Vertretern, weshalb der Paläontologe es zu einer eigenen Art erklärte, Pelagornis sandersi. Benannt ist der Riesenvogel nach dem ehemaligen Kurator des Museums, in dem die Fossilien lagern und der die damalige Ausgrabung geleitet hat.

"Pelagornis sandersi" übertrifft gigantischen Urzeit-Geier

Die Flügelspanne von bis zu 7,3 Metern macht Pelagornis sandersi zum größten bekannten flugfähigen Vogel. Bislang war die Ehre dem ebenfalls seit langer Zeit ausgestorbenen Argentavis magnificens zuteil geworden. Die Überreste jedoch zeigen, dass P. sandersi den gigantischen Geier aus dem späten Miozän übertrifft. "Der Humerus – jener Knochen, der mit der Schulter über ein Gelenk verbunden ist – legt nahe, dass die Spannweite von P. sandersi bis zu einen Meter größer war", sagt Ksepka.

Andere Vögel – etwa der Elefantenvogel – mögen mehr auf die Waage gebracht haben. Sie waren jedoch zu fett, um zu fliegen. P. sandersi ist damit derzeit der unbestrittene König der Lüfte.

Für Ksepka besteht kein Zweifel daran, dass der Koloss bis ins Pliozän vor rund drei Millionen Jahren durch die Wolken streifte. "Mit den weiten Flügeln und kleinen Hinterläufen war P. sandersi nicht für ein Leben auf dem Land gebaut", erklärt der Paläontologe. Die hohlen Knochen seien ideal gewesen, um Gewicht für den Flug zu sparen, schreibt er im Fachmagazin PNAS. "Die Computermodelle lassen darauf schließen, dass er ein exzellenter Segelflieger war." Perfekt, um lange Zeit über dem Meer zu gleiten, und sich im entscheidenden Moment von oben auf Tintenfische und Aale zu stürzen – mit rund 60 Kilometern pro Stunde.

Das mag anmutig gewirkt haben. Ganz anders der Start: Einfach mit den Flügeln flattern und abheben war wohl nicht drin – zu schwer, zu plump sei das Tier mit seinen Stummelbeinen und Riesenschwingen gewesen, so die Diagnose. Vielmehr habe es einen sanften Abhang und eine gute Portion Aufwind gebraucht, um die Küste zu verlassen.