Wenn sich undurchsichtige Entscheidungsprozesse und wissenschaftliche Ausrichtung nicht grundlegend ändern, wollen mehr als 300 europäische Neurowissenschaftler nichts mit dem "Human Brain Project" zu tun haben. Das schreiben sie in einem Offenen Brief an die Europäische Kommission. Stündlich kommen zehn weitere Unterzeichner hinzu. Die im Sommer anstehende Begutachtung des Flaggschiffprojekts, das mit insgesamt einer Milliarde Euro gefördert werden soll, könne den Fehlstart korrigieren.

Falls dies nicht möglich ist, sollte die Europäische Kommission das Geld für andere neurowissenschaftliche Studien zur Verfügung stellen, fordern sie. "So kann es nicht weitergehen", sagt Zachary Mainen vom Champalimaud Neuroscience Programme in Lissabon, einer der Initiatoren des Offenen Briefes.

Umstritten war das "Human Brain Project" von Anfang an. Die einen fanden die Idee des charismatischen Neurophysiologen Henry Markram von der Schweizer École polytechnique fédérale de Lausanne visionär, die anderen vermessen. "Das Gehirn zu verstehen, ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts", sagt er. Das große Ganze erschließe sich erst, wenn man alle verfügbaren Informationen in ein Computermodell einspeise und so das Gehirn simuliere. Unsinn, konterten bereits im Januar 2013 die Kritiker. Für so ein Vorhaben sei es zu früh.

Moritz Helmstaedter, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, war einer von ihnen. Seine Bedenken haben sich nicht zerstreut. "Wer das Human Brain Project für ein Gegenstück zur amerikanischen Brain Initiative hält, gibt sich einer Illusion hin", sagt er. Auf der anderen Seite des Atlantiks gehe es wirklich darum, das Gehirn besser zu verstehen und neue Methoden für die Hirnforschung zu finden. Das europäische Flaggschiff dagegen sei ein Hochrisiko-IT-Projekt. Noch dazu eines, das vollmundige Versprechen macht. "Es kann nicht für die Neurowissenschaft in Europa stehen", sagt Helmstaedter. "Unser Ruf steht auf dem Spiel."

Der Unmut in der Fachwelt ist nicht neu. "Niemand glaubt ernsthaft an eine Simulation des menschlichen Gehirns", sagt Mainen. "Aber was ist dann das Ziel? Woher wissen wir, ob das Projekt erfolgreich war?" Selbst Kooperationspartner würden nicht in Entscheidungen eingebunden. Statt die europäische Neurowissenschaft zu einen, stärke die Projektleitung den IT-Anteil immer weiter. Es grenze an Etikettenschwindel. Als ein ganzer Projektarm – die kognitive Neurowissenschaft mit 18 Laboren – gestrichen wurde, kam das Fass zum Überlaufen. Die Unterzeichner des Offenen Briefes hoffen nun auf die EU. Zumindest die Begutachtung müsse verantwortlich und transparent durchgeführt werden. Und wissenschaftlichen Kriterien genügen.