Sapiosexualität, die

aus sapere (lat. wissen) und Sexualität (von lat. sexus, Geschlecht)

Es geht um die inneren Werte, natürlich. Das größte Sexualorgan ist das Gehirn, klar. Wer würde da nicht zustimmen, jedenfalls bei Tageslicht und öffentlich? Freilich lehrt das Leben zuweilen andere Lektionen über Anziehung und Ausziehen. Früher ein delikates Geheimnis ist das Thema heute geradezu von andauerndem öffentlichem Interesse: Wen macht was an? Wer wie mit wem? Und welche neuen Varianten des Liebesspiels mag der Mensch noch erfinden? Oder zumindest benennen?

Ob nun das ausufernde Vokabular sexueller Vorlieben eher der Aufklärung oder dem Voyeurismus dient, sei einmal dahingestellt. Sicher ist, das Buchstabentrio s-e-x gibt jeder Wortschöpfung das Potenzial, zum geflügelten Wort zu werden. So wie metrosexuell, ein Attribut, das dem – glücklosen – US-Präsidentschaftskandidaten John Kerry während des Wahlkampfs anhaftete.

Eigentlich ist es eine ebenso schmeichelhafte wie postmoderne Vokabel, zusammengesetzt aus großstädtisch (engl. metropolitan) und heterosexuell. Doch Wahlkampfgegner wandten sie gegen Kerry, offenbar davon ausgehend, dass vielen Wählern der Begriff unbekannt sein, aber Argwohn schüren werde. So oder so, für eine Weile war das M-Wort allgegenwärtig.

Für weitere Folgen der Kolumne "Worte von morgen" klicken Sie bitte auf das Bild.

Und nun eben Sapiosexualität als Wortschöpfung für die Attraktion durch Intelligenz, die Gleichstellung von klug und sexy. Es ist sozusagen die fremd- wortgewordene Antithese zum allseits bekannten Bonmot über das gegenläufige Verhältnis von Geistesstärke und liebhaberischen Qualitäten. Außerdem ist es ein vokabelgewordener guter Vorsatz: Betonen wir doch neben all den anderen Hinguckern und Anmachern öfters mal den Reiz von Witz, Charme und Intelligenz – wenigstens bei Tageslicht und öffentlich.

Klonschaf, Genomanalyse und Suchmaschine – noch vor ein, zwei Jahrzehnten hätte kaum ein Zeitgenosse damit etwas anzufangen gewusst, mittlerweile dürften praktisch jedem diese Vokabeln geläufig sein. Die Neuzugänge in unserem Vokabular zeigen, wie sich unsere Welt verändert hat. Aber welche Spuren werden just in diesem Moment hinterlassen? Stefan Schmitt sucht in der Kolumne "Worte von morgen" diese Vokabeln. Im Buch "Von der Digitaldemenz zum Infoveganer" stecken 99 weitere Worte von morgen. Folgen Sie @wortevonmorgen auch auf Twitter.