ZEIT ONLINE: Wegen der Ebola-Epidemie herrscht in Westafrika in manchen Regionen der Ausnahmezustand. Grenzen werden geschlossen, Flugbestimmungen erlassen, ganze Slums als Quarantänezonen abgesperrt. Zeigt sich hier pure Hysterie oder angemessenes Verhalten?

Gerd Gigerenzer: In Westafrika ist diese Reaktion wohl notwendig. Aufklärung, Isolationsstationen, Behandlung der Kranken alleine reicht hier nicht. Die meisten Menschen kennen das Virus nicht, misstrauen den Helfern und der Regierung, und es gibt immer mehr Fälle.

ZEIT ONLINE: Ist so etwas auch in Deutschland denkbar?

Gigerenzer: Die entscheidende Frage für uns ist doch: Kommt diese Epidemie überhaupt hierher? Darauf gibt es aber keine akuten Hinweise.

ZEIT ONLINE: Dennoch fürchten viele einen Ausbruch hierzulande. Was hat die Ebola-Seuche an sich, dass sie derlei unbegründete Angst auslöst?

Gigerenzer: Dahinter steckt ein psychologisches Prinzip. Plötzliche Risiken lösen rasch Hysterie aus. Der Mensch fürchtet sich leicht vor Situationen, in denen viele Menschen in einem relativ kurzen Zeitraum sterben könnten. Das gilt für Seuchenausbrüche wie für Umweltkatastrophen, wir sprechen da von Schockrisiken. Denken Sie an die Angst, die wir zu BSE-Zeiten hatten, in ein saftiges Steak zu beißen. Oder die Schweinegrippe. Die Gefahr dabei ist, dass man die Ursachen aus dem Blick verliert, die uns viel wahrscheinlicher das Leben kosten; Rauchen zum Beispiel oder Motorradfahren. Aus Sicht der Risikoforschung ist zum Beispiel Lungenkrebs eine größere Bedrohung für die Menschen in Deutschland als eine Infektion mit Ebola.

ZEIT ONLINE: Interessant, dass Sie in dem Zusammenhang die Schweinegrippe von 2009 erwähnen. Rückblickend heißt es, die ganze Aufregung um die Influenza-Variante sei unnötig gewesen. Das Seuchenpotenzial von Ebola wird nun als weit dramatischer wahrgenommen, dabei geben die Fallzahlen das nicht her.

"Die Medien waren schwer beteiligt am Tote-Zählen"

Gigerenzer: 2009 waren die Medien schwer beteiligt am Tote-Zählen, obwohl die Zahl der tödlichen Fälle der Schweinegrippe weit unter denen lagen, die jährlich durch andere Formen der saisonalen Grippe zustande kommen. In diesen Tagen machen nun die Ebola-Toten Schlagzeilen.

ZEIT ONLINE: Die Medien sind also schuld an der Hysterie?

Gigerenzer: Nur bedingt. Die Medien berichten zwar sehr ausgiebig über Ebola, aber das ist nichts Neues. Mögliche Katastrophen im eigenen Land haben immer das Potenzial, große Ängste zu schüren. Über Ebola wird aber wesentlich sachlicher berichtet, als über die Schweinegrippe, Vogelgrippe, BSE oder Sars. Nehmen wir zum Beispiel den Fall der Frau in Berlin: Viele zitierten in ihren Berichten die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und sagten klar, dass die Frau von den Ärzten der Charité nicht als Ebola-Patientin bezeichnet oder gar ein Seuchenfall ausgerufen wurde.

Die Angst vor der Schweinegrippe wurde hingegen geschürt, indem man von Zehntausenden möglichen Toten im Land sprach und dem Bürger dazu riet, sich impfen zu lassen. Dabei gab es damals keinen Beweis dafür, dass das Mittel Tamiflu gegen die schweren oder tödlichen Konsequenzen hilft. Bekannt war bloß, dass es die durchschnittliche Grippezeit von fünf auf vier Tage reduziert. Der Nachweis steht übrigens heute noch aus, der Hersteller weigert sich, die Daten herauszugeben.

ZEIT ONLINE: Wenn dann aber hierzulande kritisch über Vitaminpillen, Glutenunverträglichkeit oder Sinn und Zweck laktosefreier Produkte berichtet wird, zweifeln die Menschen an den Fakten. Warum tun sich viele so schwer, wissenschaftlichen Ergebnisse – und ebenso Ungenauigkeiten – anzunehmen?