Blick auf den Mount Taranaki nahe New Plymouth, Neuseeland © Reuters/Bogdan Cristel

Einen ganzen Kontinent haben Geoforscher bis vor kurzem einfach übersehen! Davon ist jedenfalls Hamish Campbell vom neuseeländischen Geoforschungsinstitut GNS in Lower Hutt felsenfest überzeugt. Der Geologe hat jede Menge Hinweise auf diesen Kontinent gesammelt, der vor 23 Millionen Jahren fast vollständig überflutet war.

Demnach ragen heute nur sieben Prozent der Landmassen aus den Wellen des Pazifiks. Die größten Teile sind die Inseln Neukaledoniens im Nordwesten und Neuseeland im Süden. Weil der Rest des "Zealandia" genannten Kontinents unter Wasser liegt, hat man ihn lange nicht erkannt. Erst als Neuseelands Geowissenschaftler seit 1996 den gefluteten Teil kartierten und mit modernen Methoden analysierten, erlebten sie eine gewaltige Überraschung: Am Grund des Pazifiks liegt dort ganz ähnliches Gestein wie das, aus dem fast überall auf der Erde die Kontinente bestehen.

Die meisten Gesteine der Kontinente, etwa Granit, haben eine geringere Dichte als der Ozeanboden, der oft aus Basalt besteht. "Wie die fette Sahne auf der Milch schwimmen daher auch die Kontinente oben und die schwerere Meereskruste liegt tiefer", erläutert Campbell. Auch Zealandia bildet einen solchen riesigen Tropfen oben schwimmenden, leichteren Gesteins.

Neben Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika sowie der Antarktis und Australien gibt es also anscheinend noch einen achten Kontinent. Das wirft jedoch die Frage auf, warum dieses Zealandia – anders die längst bekannten Landmassen – zum überwiegenden Teil unter den Wellen des Pazifiks liegt. "Das erklärt ein Blick in die geologische Geschichte der Region", sagt Campbell. Er hat zusammen mit weiteren Forschern zahlreiche Daten zu Gesteinsvorkommen sowie deren Alter erhoben und daraus die Entwicklung des Kontinents rekonstruiert.

Vor ungefähr 125 Millionen Jahren begann sich im Nordosten einer Landmasse, die unter anderem das heutige Australien und die Antarktis umfasste, ein Graben zu öffnen. Die Regionen im Nordosten wurden dadurch vom Rest dieses "Gondwana" genannten Superkontinents weggedrückt. Spätestens als vor etwa 85 Millionen Jahren der Pazifik den neuen Graben mit Meerwasser flutete, entstand der heute "Tasmanische See" genannte Meeresarm zwischen Australien und Neuseeland. Und es war ein neuer Kontinent geboren: Zealandia.

Auseinandergezerrt wie ein Gummiband

Der hatte viel auszuhalten. Seit Zealandia sich vor 125 Millionen Jahren von Gondwana zu trennen begann, wurde es durch Kräfte im Erdinneren rund 100 Millionen Jahre lang immer weiter auseinandergezerrt wie ein Gummiband. Das hatte dramatische Folgen. Während die Erdkruste unter einem normalen Kontinent rund 35 Kilometer dick ist, wurde sie unter Zealandia auf 20 Kilometer ausgedünnt. In der heutigen Taupo-Vulkanzone der Nordinsel Neuseelands ist die Kruste sogar nur noch 16 Kilometer dick. Dieser ausgedünnte Kontinent schwimmt zwar immer noch wie Fett oben, ragt aber weniger in die Höhe als andere Landmassen. Deshalb befinden sich die meisten Regionen Zealandias heute rund 1500 Meter unter dem Wasserspiegel. Nur die höchsten Berge und Hochländer liegen über den Wellen: Neuseeland, Neukaledonien und einige kleinere Inseln.

Weshalb ragen diese Regionen überhaupt aus dem Wasser? Schließlich war die Erdkruste unter Zealandia vor 23 Millionen Jahren bereits so weit ausgedünnt, dass praktisch die gesamte Landmasse geflutet war. Das behauptet zumindest Campbell. Der Paläontologe Alan Tennyson vom Nationalmuseum Te Papa in Neuseelands Hauptstadt Wellington widerspricht dieser These: "Sehr wahrscheinlich schauten damals eben doch einige Inseln aus den Wellen." Sonst hätten viele Arten wie die mächtigen Kauri-Bäume im Norden Neuseelands nicht überlebt, argumentiert er. Nahe Verwandte dieser Urwaldriesen wuchsen jedenfalls bereits vor 180 Millionen Jahren im heutigen Neuseeland, zeigt ein versteinerter Wald an der Küste der Südinsel. Doch im Lauf der Jahrmillionen, in denen der Kontinent zunehmend im Ozean versank, gab es immer weniger Platz für diese Bäume.

Vor 25 Millionen Jahren änderte sich das Bild. Im Norden des völlig ausgedünnten Zealandia begann sich der Boden des Pazifiks langsam unter die Kruste des Kontinents zu schieben. "Dabei entstand ein gewaltiger Druck, der Zealandia an den dünnsten Stellen zerbrechen ließ", sagt Campbell. Aus dem ohnehin schon kleinen Kontinent waren zwei noch kleinere Massen geworden.

Wird die Spannung zu groß, zerreißt der Untergrund

Kaum entstanden, begannen beide Zealandias sich zu drehen; zudem drückte die pazifische Platte den südlichen der beiden Teile langsam, aber stetig nach Norden, gegen die andere Hälfte. Immer wieder verhaken sich beide Landmassen ineinander. Wird die Spannung zu groß, zerreißt der Untergrund und gewaltige Erdbeben erschüttern das Land. In der Knautschzone zwischen beiden Teilen beult sich die Kruste auf, die Neuseeländischen Alpen mit ihren zum Teil vergletscherten Bergen entstehen.

Weiter im Norden taucht die schwere Pazifikkruste unter das leichtere und ausgedünnte Zealandia und hebt dabei das Land zu einer Mittelgebirgslandschaft in die Höhe. Wie in solchen Abtauchzonen – Forscher sagen auch "Subduktionszonen" – üblich, entstehen außerdem große Vulkane. Vor 1830 Jahren verwüstete dort die stärkste Eruption der letzten 5000 Jahre auf dem Globus ein riesiges Gebiet.

Auch das passt ins Bild, das die Geoforscher rekonstruiert haben: Wie eine gigantische Ziehharmonika schnurren die beiden Hälften von Zealandia seit rund 23 Millionen Jahren wieder zusammen und der achte Kontinent taucht langsam aus den Fluten auf.