Im Sepilok Orang Utan Sanctuary auf Borneo lernen verwaiste Jungtiere, wieder in freier Wildbahn zu überleben. © Mohd Rasfan/AFP/Getty Images

"Ich beschloss, wie ein Tier zu leben", so erklärt der Geologe Michel Siffre, was ihn 1962 auf die Idee brachte, zwei Monate in einer Höhle zu verbringen, "in der Dunkelheit, ohne die Uhrzeit zu kennen". Ahnungslos, wann es Zeit zu schlafen, aufzustehen, zu arbeiten wäre – was würde aus nine-to-five? Im ersten Selbstexperiment dehnten Siffres Tage sich nur um eine Stunde aus. Bei seinen folgenden Versuchen an sich selbst und anderen aber entwickelten alle Probanden einen 48-Stunden-Rhythmus, mit Aktivitätsphasen von etwa 36 und Schlafphasen von etwa 12 Stunden.

Ich schreibe dies um zwei Uhr nachmittags. An meinem Schreibtisch saß ich gegen zehn. Arbeitsbeginn war gegen elf. Junge Autoren haben oft ein ausgeprägtes Interesse an den Routinen ihrer Berufsgenossen. Zum Glück gibt es dailyroutines.com. Wer Hemingway nacheifert, liest man dort, darf nach etwa sechs Stunden Arbeit mit gutem Gewissen gegen Mittag Feierabend machen. Günter Grass dagegen (10 Uhr bis 19 Uhr, mit Frühstücks- und Kaffeepause) schafft schon fast die 39-Stunden-Woche. Verglichen mit Isaac Asimov (7:30 Uhr bis 22 Uhr) ist er trotzdem ein fauler Sack.

Sven Regener lässt Herrn Lehmanns Mutter auftrumpfend erklären: "Schon Viertel nach zehn, da schläft man doch nicht mehr, ich bin schon seit sieben auf den Beinen." Von meinen Eltern muss sich hänseln lassen, wer nicht spätestens um acht am Frühstückstisch sitzt. Bei keinem anderen Tier kämen wir auf die Idee, den Rhythmus von Schlaf- und Aktivitätszeiten moralisch zu bewerten. Vielleicht, weil nur wir in ihn eingreifen können – oder wollen.

Die 35-Stunden-Woche ist mitnichten eine Errungenschaft. Jäger und Sammler arbeiten drei bis vier Stunden täglich. Manche Naturvölker glauben, es bringe Unglück, zwei Tage am Stück zu arbeiten. Daniel Quinn erzählt die Entwicklung der Landwirtschaft zu Recht als Verfallsgeschichte. Sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen zu müssen, ist eine Strafe. Wer wollte nicht lieber von der Großzügigkeit der Natur leben? Über die Orang-Utans auf Borneo und die Lemuren auf Madagaskar erzählt man Legenden, dass sie sprechen können, es aber in ihrer Weisheit den Menschen nicht verraten. Sonst müssten sie ja arbeiten.

Wann dürfen wir, den Erkenntnissen von Wissenschaftlern wie Siffre folgend, mit gutem Gewissen die Hände in den Schoß legen? Der chronobiologisch ideale Tagesablauf sieht ab Mittag außer Essen, Siesta und ein bisschen Sport nicht mehr viel vor, von einem produktiven Höhepunkt zwischen 15 und 16 Uhr mal abgesehen. Bei mir ist es halb fünf. Feierabend.

Am 15. September ist der erste Roman der Autorin Bettina Suleiman im Suhrkamp Verlag erschienen. In "Auswilderung" experimentiert die Forscherin Marina für ein Millionenprojekt der UN mit Gorillas auf einer Insel im Roten Meer. Die Tiere wachsen wie Menschen auf, doch sollten sie dieselben Rechte haben? Was wären die Konsequenzen? In Anlehnung an den Roman hat die Autorin fünf Essays verfasst, die ZEIT ONLINE exklusiv veröffentlicht. Die Themen: Tierkunst, Konditionierung, Ein Tier sein wollen, Arbeitsmoral und Selbstausbeutung in der Wissenschaft.