Klippen von 100 Meter Höhe, Geröllhalden, ein Tal voll hausgroßer Brocken – der Komet 67P/Tschurjumow-Gerassimenko ist ein denkbar ungemütlicher Ort, um dort ein millionenteures Labor aus Tausenden Kilometern Entfernung abzusetzen. Und doch wird es am 11. November so weit sein: Dann soll sich der Lande-Roboter der Rosetta-Mission mit seinen Harpunen an den Himmelskörper krallen, um bisher nie dagewesene Daten über die Entstehung des Sonnensystems zu sammeln. Es wäre die erste Landung auf einem Kometen in der Geschichte der Raumfahrt.

Lange war unklar, wo genau das Minilabor Philae andocken soll. Fünf Orte waren im Rennen, nun haben Forscher der europäischen Weltraumagentur Esa den besten Landeplatz auserkoren: "Landing Site J", eine Region auf dem kleinen Knubbel des seltsam geformten Kometen – doch beste Voraussetzungen bietet J nicht gerade.

Vor etwas mehr als einem Monat hatte die Raumsonde Rosetta "Tschuri" erreicht. Seitdem navigierten Forscher sie vom Kontrollzentrum in Darmstadt aus in einem aufwendigen Dreiecksflug um den Kometenkern herum. Dabei ist die Sonde stets näher gerückt und hat fleißig Aufnahmen von der Oberfläche des Himmelskörpers gemacht, um vorab so viel wie möglich über das Objekt in Erfahrung zu bringen.

Tschuri besitzt außergewöhnlich wenige Eisflächen. Weil der Komet recht weit entfernt von der Sonne ist, hatten Esa-Wissenschaftler mehr Eis dort erwartet. Dies verändert die Beschaffenheit seiner Oberfläche. Doch weit erschreckender: Die Nahaufnahmen offenbarten eine ungewöhnliche Form des Brockens. Ob Tschuri mit seinen Rundungen nun eher einer Erdnuss, einer Kartoffel oder einer Gummiente gleicht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hat der Komet eine Taille in der Mitte mit zwei Knubbeln links und rechts davon. Schnell war klar, dass Philae entweder auf dem Kopf des kleineren oder seitlich auf dem Körper, dem größeren Teil, landen müsste.

Doch wo ist die Einstrahlung der Sonne für die Kameras am besten? Gibt es Winkel, die ein Landemanöver unmöglich machen? Könnten Schluchten, Hügel oder große Gesteinsbrocken dem Lande-Roboter letztlich noch alles zunichte machen?

"Es bleibt ein Risiko, dass die Landung misslingt"

Nun soll es zu einem Gebiet am Kopf des kleinen Knubbels gehen. "Landing Site J ist nicht perfekt", sagte Stephan Ulamec, Projektmanager für das Landegerät Philae beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf der Pressekonferenz in Paris. Zwar sei der Boden extrem trocken, das Infrarot habe kein Eis gezeigt, und es gebe zahlreiche flache Stellen. Doch gibt es auch einige Schrägen. "Es bleibt also ein Risiko, dass die Landung misslingt." Als einzige Ausweichmöglichkeit kommt ein Gebiet auf dem Körper des Kometen in Frage, "Landing Site C".

J ist zudem wissenschaftlich interessant. Nur rund 500 Meter entfernt von der geplanten Landefläche tritt Gas aus dem Kometen. Auf seinem Weg zur Sonne werden die Ausdünstungen mit steigenden Temperaturen noch intensiver. Tschuri wird wohl einen Schweif ausbilden. Mit Philae auf dem Brocken könnten Forscher erstmals live und am Ort Daten darüber sammeln, wie sich der Komet dabei verändert.

Das Minilabor hätte dazu rund ein Jahr Zeit. Bis August 2015 wird sich das Dreiergespann aus Komet, Rosetta und Philae der Sonne bis auf 195 Millionen Kilometer nähern. Nach Berechnungen der Forscher wird stets genügend Licht einfallen, um Philae mit ausreichend Energie für die Datenjagd zu versorgen.

Wissenschaftler erhoffen sich von der Mission neue Erkenntnisse über die Entstehung des Sonnensystems. Kometen sind die wahrscheinlich ältesten weitgehend unveränderten Reste der gigantischen Staubscheibe, aus der vor 4,6 Milliarden Jahren unser Planetensystem entstand. Sie sind zu kalt und zu klein, ihre Schwerkraft ist zu gering, als dass chemische oder geologische Prozesse sie grundlegend verändert haben könnten.