Die alte Dame hat sich die Hüfte gebrochen, sie muss operiert werden. Im Krankenhaus eröffnen ihr die Ärzte nach etlichen Blutuntersuchungen, es seien noch eine Magen- und eine Darmspiegelung nötig. Man müsse den Ursachen einer eben entdeckten Blutarmut nachgehen. Diese Anämie sei doch schon länger bekannt, ihr Hausarzt habe die Sache abgeklärt und behandle sie, wundert sich die Dame, die wach und gesprächsbereit in ihrem Bett liegt. Warum man sie denn nicht gefragt habe? "Wir sollen möglichst viele Zusatzuntersuchungen anordnen", antwortet der Assistenzarzt mit entwaffnender Ehrlichkeit.

Eine andere alte Dame hat ihre Operation an der Hüfte schon hinter sich. Nun soll sie, um möglichst keine Druckstellen und keine Lungenentzündung zu bekommen, zwei- bis dreimal am Tag aufstehen. Das kann sie nicht allein, sie bittet die Krankenschwester um Beistand. Im Moment habe sie keine Zeit, sagt die Pflegekraft. Doch sie ist dabei mit sich sehr unzufrieden: "… und da habe ich mir gedacht: Was bist du für eine Person, dass du die Patientin jetzt in ihrem Bett liegen lässt. Das ist ethisch einfach nicht vertretbar."

Zwei Beispiele, die die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften in ihrem Positionspapier zum Problem der Ökonomisierung in den Krankenhäusern aufführt. Sie zeigen, wie wirtschaftliche Gesichtspunkte den Alltag von Ärzten und Pflegekräften prägen, vom Sparen beim Personal bis zur Anordnung gewinnversprechender Untersuchungen. Auch bei den Operateuren wachse die Bereitschaft, "Korridore der Indikationsstellung zugunsten einer Mengenerhöhung auszuschöpfen", so formulierte es der Chirurg Arved Weimann, Stellvertretender Leiter und Chefarzt des Klinikums St. Georg in Leipzig, in der letzten Woche bei einer Veranstaltung des Deutschen Ethikrates. Sein Beispiel: Ein Herr Mitte 80 mit Leistenbruch. Die kleine Ausbuchtung eines Stückes Darm durch die Bauchdecke bereitet ihm keine Beschwerden. Soll man trotzdem operieren oder die Sache nur weiter beobachten, nach den medizinischen Prinzipien des "watchful waiting"? Wirtschaftlich gesehen ist für die Krankenhäuser das Operieren verlockend.

"Vom Krankenhaus zum kranken Haus"

Zu viele Untersuchungen und Eingriffe, zu wenig Zeit und Zuwendung, beides kann aus wirtschaftlichem Druck und aus Gewinnstreben resultieren. Nun hat sich der Deutsche Ethikrat in einer öffentlichen Tagung des Problems angenommen, ein deutlicher Beleg für die Bedeutung des Themas, denn das Gremium ist vom Gesetzgeber ausdrücklich mit der Erörterung der großen Fragen betraut worden, die sich auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften stellen. "Vom Krankenhaus zum kranken Haus? Klinikalltag zwischen ethischem Anspruch und Kostendruck", so lautete der Titel der Tagung im Dresdner Hygienemuseum.

Die deutschen Krankenhäuser müssen sparen, 14 Prozent gelten sogar als akut von der Insolvenz bedroht. Die öffentliche Hand steckt immer weniger Geld in die Gebäude und ihre Infrastruktur, die Krankenkassen bezahlen seit rund zehn Jahren nicht mehr die tatsächlich entstandenen Kosten, sondern Fallpauschalen, die sich nach den Diagnosen richten.

Kostendruck führt zu unnötigen Eingriffen

Wie relevant das Thema ist, zeigten in diesem Jahr auch einige wissenschaftliche Untersuchungen. Im "Arbeitsreport Krankenhaus", den die Hans-Böckler-Stiftung beim Institut für Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen in Auftrag gegeben hatte, berichten zum Beispiel fast drei Viertel der befragten Pflegekräfte von Stellenabbau und Arbeitsverdichtung auf ihren Stationen. Mehr als ein Drittel der Chefärzte sagt, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in ihrem Fachgebiet zu Eingriffen führen, die aus fachlicher Sicht nicht nötig, jedoch für die Kliniken lukrativ sind – so eine noch unveröffentlichte Studie von Mitarbeitern des Lehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen, für die anonymisierte Fragebögen von 1.432 Chefärzten, 396 Pflegedirektoren und 284 Geschäftsführern ausgewertet wurden. Die Hälfte der Chefärzte erlebt regelmäßig Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Zielen (der Tagesspiegel berichtete).