ZEIT ONLINE: Herr Müller, sind Kiffer für Sie Kriminelle?

Andreas Müller: Kriminelle sind Menschen, die andere zusammenschlagen, die im Suff ihre Frauen und Kinder misshandeln oder die Millionen an Steuern hinterziehen. Kiffer sind keine Kriminellen, sondern Menschen, die sich lediglich mit einer Droge berauschen wollen, die überall in der Welt seit Jahrhunderten konsumiert wird.

ZEIT ONLINE: Alkohol befeuert Verbrechen, Cannabis auch?

Müller: In 20 Jahren als Jugendrichter und mehr als 12.000 Verfahren habe ich nicht einen einzigen Fall gehabt, in dem schwere Straftaten wie Körperverletzung oder Vergewaltigungen durch Cannabis ausgelöst worden wären. Es ist fast immer Alkohol, vielleicht noch in Kombination mit Amphetaminen oder Kokain. Es ist nie der kleine Kiffer.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Händlern und Produzenten?

Müller: Die Händler und Produzenten gibt es doch nur, weil wir Cannabis kriminalisiert haben. Könnte ich es irgendwo normal kaufen, bräuchte es niemand illegal beschaffen oder anbauen. Mein Bruder wurde mit 19, 20 Jahren Hasch-Händler, weil das lukrativ war. Ohne die Prohibition hätte es keine Chance auf das schnelle Geld gegeben und er wäre nicht in den Drogensumpf geraten. So geht es vielen.

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ZEIT ONLINE: Der Staat sieht das ein bisschen anders. Er leitet jährlich mehr als 150.000 Verfahren wegen Cannabis ein, davon gut zwei Drittel wegen Konsumdelikten.

Müller: Was für eine Ressourcenverschwendung. All diese Verfahren, von denen viele wieder eingestellt werden, binden Energie, Personal und Geld. Je nach Bundesland und Staatsanwalt werden die Kiffer mal härter, mal weniger hart verfolgt. Werden sie öfter erwischt, werden sie möglicherweise angeklagt nur wegen ein paar Gramm. Das verändert und zerstört Leben.

ZEIT ONLINE: In 40.000 bis 50.000 Fällen kommt es zu Verurteilungen ...

Müller: ...und überwiegend trifft es eben Konsumenten, harmlose Normalbürger. Das ist sie, die unnötige Kriminalisierung.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von einer "Drogenpolitik ohne Sinn und Verstand". Warum?

Müller: Egal, ob wir Cannabis kriminalisieren oder nicht, es wird sowieso genommen. Kein Gesetz hält die Menschen davon ab. Die schlimmste Nebenwirkung der Prohibition ist die Kriminalisierung selbst. So schaffen wir Hunderttausende oder Millionen Kriminelle, die keine sind. Von denen geht keine Gefahr aus, aber sie werden gebrandmarkt. Das ist völlig falsch.

ZEIT ONLINE: Sie werfen Politikern, die an den bestehenden Gesetzen festhalten wollen, "konservative Sozialromantik" vor. Was meinen Sie damit?

Müller: Sie wollen durch die Kriminalisierung Cannabis aus der Welt schaffen, was total unrealistisch ist. Und obwohl das nicht funktioniert, halten sie an diesem Dogma fest. Wenn man weiß, dass man die Realität niemals mit seinen Wünschen in Einklang bringen wird, und trotzdem einfach so weiter macht, das nenne ich sozialromantisches Denken – oder ideologisches.

ZEIT ONLINE: Sehen wir uns doch einmal die drei beliebtesten Argumente der Prohibitionsbefürworter an und wie Sie sie beurteilen. Erste Behauptung: Die Kriminalisierung schränkt die Verbreitung ein. Stimmt das?

Müller: Das stimmt nicht, das beweisen internationale Studien regelmäßig. In liberalen Ländern wie den Niederlanden wird sogar weniger gekifft als hier, in Ländern mit härteren Gesetzen wie in Großbritannien teilweise mehr. Es gibt keinen festen Zusammenhang.

ZEIT ONLINE: Dann wird zweitens gesagt, die Kriminalisierung schütze die Gesundheit der Menschen. Wie sieht es damit aus?

Müller: Das Gegenteil ist der Fall, sie macht Familien kaputt. Weil Cannabis verboten ist, können Jugendliche nicht offen mit ihren Eltern darüber sprechen, Lügen und Heimlichkeiten sind die Folge. Wir haben keinen Jugendschutz, jeder kann sich alles kaufen. Wir haben keinen Verbraucherschutz, Kriminelle können das Gras strecken wie sie wollen. Jugendliche weichen wegen der Gesetze auf die überall käuflichen Legal Highs aus – da haben wir schon Tote zu beklagen!