Den Korrumpierungseffekt weist man wie folgt nach: Man nimmt eine Schar Probanden, gibt ihnen eine amüsante Aufgabe – Puzzeln zum Beispiel – und misst, wie lange sie sich dieser aus freien Stücken widmen. In einer zweiten Phase belohnt man die Probanden für die mit Puzzeln verbrachte Zeit. Zuletzt stellt man das Belohnen wieder ein. Man wird feststellen, dass die Probanden jetzt weniger puzzeln als zuvor, als sie noch dafür belohnt wurden. Keine Überraschung.

Der Witz ist: Die Probanden puzzeln am Ende – und ab jetzt ihr Leben lang – weniger als ganz am Anfang, als sie es noch freiwillig taten. Das ist der Korrumpierungseffekt. Belohnt man einen Menschen für ein Verhalten, verringert sich sein innerer Antrieb. Nur sieht man von außen normalerweise nichts davon, da der innere durch einen äußeren Anreiz, eben die Belohnung, ersetzt wurde.

"Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst nie im Leben arbeiten", sagte angeblich Konfuzius. Hätte er den Korrumpierungseffekt gekannt, er hätte gesagt: "Mache dein Hobby zum Beruf, und es wird dir bald keinen Spaß mehr machen." Frei nach Kierkegaard: Entweder du wählst einen Beruf, den du liebst, oder du wählst einen, den du hasst; du wirst ihn am Ende so oder so hassen.

Keine Belohnung für das, was man gerne macht

Wo ist der Ausweg? Man darf sich, ganz einfach, nicht belohnen lassen für das, was man gerne macht. Auch hier hilft ein Blick auf die Wissenschaft, genauer: den gebeutelten wissenschaftllichen Nachwuchs. Beschäftigt in befristeten Verträgen, auf halben Stellen, schlecht bezahlt, von Work-Life- Balance ganz zu schweigen. Im Internet kursiert eine Rundmail, in der amerikanische Astrophysik- Professoren die Frage ihrer Graduiertenstudenten nach der angemessenen Wochenarbeitszeit mit "80 bis 100 Stunden" beantworten.

Damals im Graduiertenstudium, so die Professoren, seien sie selbst fast immer im Büro gewesen, auch nachts und am Wochenende. Niemand habe von ihnen verlangt, soviel zu ackern – die Arbeit habe ihnen eben Freude gemacht. Das impliziert: Heute arbeiten sie weniger, und die Freude ist auch geschrumpft. Kein Wunder bei einer Anstellung auf Lebenszeit, guter Bezahlung und geregelten Arbeitszeiten.

Kann man Universitäten Ausbeutung vorwerfen? Es ist nur natürlich, dass sie keine Anreize schaffen, wo keine nötig sind und der Andrang groß genug ist. Verderben also die jungen Wissenschaftler mit ihrer "Selbstausbeutung" ihre eigenen Arbeitsbedingungen? Vielleicht erweisen sie sich keinen Bären-, sondern einen echten Dienst. Honorierte man ihre Leidenschaft besser – sie würde zu bloßer Arbeit verkommen.

Am 15. September ist der erste Roman der Autorin Bettina Suleiman im Suhrkamp Verlag erschienen. In "Auswilderung" experimentiert die Forscherin Marina für ein Millionenprojekt der UN mit Gorillas auf einer Insel im Roten Meer. Die Tiere wachsen wie Menschen auf, doch sollten sie dieselben Rechte haben? Was wären die Konsequenzen? In Anlehnung an den Roman hat die Autorin fünf Essays verfasst, die ZEIT ONLINE exklusiv veröffentlicht. Die Themen: Tierkunst, Konditionierung, Ein Tier sein wollen, Arbeitsmoral und Selbstausbeutung in der Wissenschaft.