ZEIT ONLINE: Nahtoderfahrungen, Telepathie, Geistererscheinungen – zugegeben, Ihre Forschungsfelder sind, sagen wir mal, außergewöhnlich. Zuletzt wollten Sie ergründen, wie in der DDR mit paranormalen Phänomenen umgegangen wurde. Ist das nicht etwas abseitig? Wie kamen Sie überhaupt darauf?

Ina Schmied-Knittel: So abseitig ist das gar nicht. Für die BRD gibt es seit 1950 viel empirisches Material dazu, selbst international ist die Datenlage gut. Aber Demoskopie und empirische Sozialforschung existierten in der DDR nicht wirklich, also gab es keine Daten zum Vergleich. Ich wollte diese Lücke schließen.

ZEIT ONLINE: Nahmen Sie denn an, dass DDR-Bürger anders mit dem Unerklärlichen, dem Paranormalen umgegangen sein könnten als Menschen in der Bundesrepublik? Und wenn ja, warum?

Schmied-Knittel: Immerhin reden wir von einer weitgehend atheistischen Gesellschaft. Der Staat versuchte, die Religion der Menschen zu unterdrücken. Parapsychologische Erfahrungen finden jedoch in einem Grenzbereich zwischen naturwissenschaftlichen Realitätsvorstellungen und religiösem Glauben statt. Welchen Raum so etwas in einer sozialistisch geprägten Gesellschaft einnahm, hat mich interessiert. 

ZEIT ONLINE: Wo fängt man mit der Recherche an, wenn es noch überhaupt keine Daten gibt? 
 

Schmied-Knittel: Im Archiv gab es ein paar Briefe, die Menschen aus der DDR an unseren Institutsgründer Hans Bender geschrieben hatten. Der war über die Landesgrenzen hinaus als Spukforscher bekannt. Außerdem hatten Umfragen nach der Wende gezeigt: Auch ehemalige DDR-Bürger machten Nahtoderfahrungen, hatten Geistererscheinungen und ähnliche Erlebnisse. Ich wollte wissen: Mit wem hat man damals über so etwas geredet? Standen Menschen, die sich etwa für Parapsychologie interessierten, unter staatlicher Beobachtung? Wie ging die SED-Führung mit so etwas um? Gab es offiziell Hellseher oder Astrologen? Schon nach ersten Recherchen wurde klar: All das fand im Verborgenen statt.

ZEIT ONLINE: Es gab also eine Art okkulten Untergrund?  

Schmied-Knittel: Zwangsläufig. In der BRD waren im Kontrast dazu private Ufo-Forschungsorganisationen und Astrologenverbände entstanden, es gab sogar offizielle Stellen, wie unser Freiburger Institut, an die sich Betroffene wenden konnten. Nicht so in den Strukturen der DDR. 

ZEIT ONLINE: Was wissen Sie bisher? 

Schmied-Knittel: Gerade setzen wir aus vielen Geschichten ein Puzzle zusammen. Da ist zum Beispiel die junge Frau, die in den 1980ern eher in staatsfernen Milieus unterwegs war, rebellisch, in der Punkszene. Sie traf sich regelmäßig mit Freunden zum Gläserrücken. Die Gruppe betrieb das offenbar eine Zeit lang recht ernsthaft. Dabei nimmt man Kontakt zu einem Geist auf, der seine Antworten auf Fragen formuliert, indem er ein Glas in einem Kreis in Richtung von Buchstaben bewegt  – so die Idee.

ZEIT ONLINE: Und, flogen sie damit auf?

Schmied-Knittel: Den jungen Leuten war klar, dass sie mit solchen Aktivitäten die Stasi auf sich aufmerksam machen könnten. Eines Tages wurden sie von einer Frau zu sich nach Hause eingeladen. Sofort hatten die Jugendlichen den Verdacht, die Gastgeberin könnte ein Spitzel sein. Sofort fingen sie provokant mit dem Gläserrücken an. Den Geist fragten sie direkt, ob jemand von der Stasi anwesend sei. Die fremde Frau soll ganz nervös geworden sein, und als die Jugendlichen sich auch noch verraten ließen, wo in der Wohnung eine Wanze versteckt sei, habe die Frau die jugendlichen Gläserrücker rausgeschmissen.

ZEIT ONLINE: Eine abenteuerliche Geschichte. Aber kann man so etwas glauben? 

Schmied-Knittel: Wir glauben erst einmal alles, was die Leute uns erzählen, es ist zumindest zurzeit noch sehr schwierig, das zu verifizieren. Wie auch die Geschichte des Mannes aus Berlin, der zu DDR-Zeiten eine Weile lang Mitglied in einem okkult-magischen Orden war. Alle Mitglieder hätten Angst gehabt vor der Entdeckung. Unser Gesprächspartner berichtete, er habe für den weiten Anfahrtsweg zu den geheimen Treffen nie die öffentlichen Verkehrsmittel genommen, sondern immer das Rad oder Mofa. Über Jahre sei er aus Angst vor Verfolgern immer Umwege gefahren. Der Mann meinte, sein Orden sei nicht der einzige dieser Art gewesen.