2003 noch eine reine Zukunftsvision: die Landung des Mini-Labors Philae als künstlerische Darstellung © J.HUART/AFP/Getty Images

In wenigen Stunden kann die europäische Weltraumforschung Geschichte schreiben. Von Darmstadt und Köln aus überwachen Wissenschaftler die entscheidenden Momente der Rosetta-Mission. Sie lassen sich im Livestream mitverfolgen. Wenn alles gelingt, wird erstmals ein Forschungsgerät auf einem Kometen aufsetzen.

Zehn Jahre schwirrte die Sonde Rosetta mit ihrer wertvollen Fracht durchs All, eine mehr als 6,4 Milliarden Kilometer lange Reise. Nun steht die Landung bevor, Sonde und Lander sind bereit. Wird die Abkopplung gelingen?

Im Verlauf der Mission gab es schon so manchen heiklen Moment. ZEIT ONLINE hat die Fakten der europäischen Weltraummission zusammengefasst.

1. Das Who's who der Mission: Tschuri, wer?

  • Rosetta ist nicht nur der Name der gesamten Mission, sondern auch der Raumsonde selbst. Der Orbiter, der seit August 2013 sein Ziel umkreist, ist benannt nach dem gleichnamigen Stein aus der gleichnamigen ägyptischen Stadt; Rashid im Arabischen. Den Rosetta-Stein gruben 1799 Archäologen aus, seine Beschriftung war einer der zwei Schlüssel, um die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern.
  • Die Raumsonde selbst hat ein waschmaschinengroßes Minilabor an Bord. Dieser Lander heißt Philae, nach jenem Tempel in Ägypten, der den zweiten Schlüssel, einen Obelisken beherbergte, mit dem Forscher schließlich die Piktogramme der alten Ägypter dechiffrierten.
  • Tschuri ist der Kosename für das Ziel der Rosetta-Mission: der Gesteinsbrocken 67P/Tschurjumow-Gerasimenko, der erste Komet, der Besuch von der Erde bekommen soll. Entdeckt hat ihn 1969 der ukrainische Astronom Klim Tschurjumow.
  • Und wo soll Philae aufsetzen? Den Ort auf dem Kometen nennen die Missionsüberwacher mittlerweile Agilkia, wie die Insel, auf der heute im Niltal die Tempelanlagen von Philae stehen. Um die Verwirrung noch größer zu machen: Anfangs hieß der Landepunkt noch eher technisch "Landing Site J" – eine Region auf dem kleineren Knubbel des unförmigen Tschuri.

2. Rosetta ist die teuerste Mission in der Geschichte der Europäischen Raumfahrt

Kometenmissionen sind grundsätzlich kompliziert, teuer – und selten. Die meisten Projekte führten bislang mehr oder weniger nah an den Brocken vorbei. Erstmals hat jetzt Rosetta einen Kometen eingeholt. Sowohl der technische als auch der organisatorische Aufwand der lang geplanten Mission sind enorm. Wesentliche Instrumente an Bord des Landers Philae entstanden unter der Leitung deutscher Institute, insgesamt sind 17 Nationen an dem Gesamtprojekt der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) beteiligt. Das hat seinen Preis: Die Kosten belaufen sich mittlerweile auf mehr als eine Milliarde Euro. Damit ist Rosetta das teuerste Projekt in der Geschichte der europäischen Raumfahrt.

3. Das Ziel: die Ursprünge des Weltraums erkunden

Kometen waren früher als Unglücksboten verschrien, heute sind sie für Wissenschaftler ein Schatz. Seit rund 4,6 Milliarden Jahren streifen die Klumpen aus Staub und Eis durchs Sonnensystem. Dabei tragen sie dessen Geschichte in sich. So enthalten sie vermutlich nicht nur organische Moleküle bis hin zu einfachen Aminosäuren, sondern zudem nahezu unverändertes Material aus den Anfängen des Sonnensystems. Mit 20 wissenschaftlichen Geräten sollen Rosetta und Philae das Weltraumgestein analysieren.

Vor allem sollen jene Prozesse ergründet werden, die 67P/Tschurjumow-Gerasimenko in Sonnennähe erwarten. Denn dort verwandelt sich der kalte, schwarze Brocken in einen sehr aktiven Himmelskörper, der Staub und Gas ins All schleudert.

Kameras an Sonde und Lander versorgen die Wissenschaftler dabei mit Aufnahmen, die selbst das Weltraumteleskop Hubble nicht liefern könnte. Klappt alles, zerlegen Spektrometer vor Ort die Strahlung und geben Aufschluss über die Bestandteile des Kometen. Detektoren registrieren Staubteilchen und Gase. Philae soll dann nicht nur Panoramaaufnahmen der Kometenoberfläche liefern, sondern auch Bodenproben entnehmen und diese analysieren. Magnetometer, Temperatursensoren und andere Messgeräte erfassen die physikalischen Eigenschaften des Zielobjekts. Zu guter Letzt scannen Rosetta und Philae gemeinsam das Innere des Kometen mit Radiowellen.

4. Die Mission hat mit einem herben Rückschlag begonnen

Alles begann mit dem mit dem Planungspapier Horizon 2000 der Esa im Jahre 1984. Es sollten rund 20 Jahre vergehen, bis der Start schließlich angesetzt werden konnte. Doch kurz vor dem geplanten Termin erlitt das europäische Raketenprogramm einen herben Rückschlag: Eine Trägerrakete vom Typ Ariane 5-ECA explodierte und die Kometenmission wurde verschoben. Damit ließ sich das ursprüngliche Ziel, der Komet 46P/Wirtanen, nicht mehr erreichen. Das Ausweichziel war Tschuri. Mit einem Jahr Verzögerung vermeldete die Esa am 2. März 2004 den erfolgreichen Start, der nun Rosetta genannten Mission.