"Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat Übergewicht" meldete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch. Grundlage der Aussage war der Mikrozensus, eine repräsentative Umfrage unter einem Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung. Dabei ergab sich auch, dass die Zahl der Übergewichtigen von 48 Prozent (1999) auf 52 Prozent (2013) gestiegen war. Die Mitteilung fand erwartungsgemäß ein breites Echo in den Medien. Wäre Deutschland ein Dampfer, dann wohl ein prall mit üppigen Leibern gefülltes Dickschiff kurz vorm Kentern. Aber ganz so düster, wie sie auf den ersten Blick erscheint, fällt die Statistik aus Wiesbaden bei näherem Hinsehen gar nicht aus.

Ermittelt werden Unter-, Normal- und Übergewicht mithilfe des Körpermasse-Index (Body Mass Index, BMI). Er wird berechnet, indem das Körpergewicht (in Kilogramm) durch die Körpergröße (in Metern zum Quadrat) geteilt wird. Ein BMI von 18,5 gilt als Untergewicht, von 18,5 bis 25 erstreckt sich das Normalgewicht, bei 25 bis 30 das Übergewicht. Bei einem BMI von 30 bis 35 spricht man von leichter Fettleibigkeit (Adipositas Grad I), bei einem Wert von 35 bis 40 von erheblicher Fettleibigkeit (Grad II). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird oft jeder BMI jenseits von 25 als "Übergewicht" tituliert, egal, ob die Person einen BMI von 26 ("echtes" Übergewicht) oder von mehr als 40 (Adipositas Grad III) hat. Auch das Statistische Bundesamt unterscheidet nicht und zieht eine pauschale Grenze bei 25.

Das Gewicht der Deutschen hat sich kaum verändert

Tatsächlich ist der Durchschnitts-BMI der Deutschen praktisch konstant. 1999 lag er bei 25,2. Und damit auf der Wegscheide zwischen Normal- und Übergewicht. 2013 war er mit 25,9 nur unwesentlich höher. Der Anteil der leicht Übergewichtigen (BMI 25 bis 30) ist ebenfalls so gut wie gleich geblieben, 1999 betrug er 36,2 Prozent, 2013 lag er bei 36,7 Prozent. Lediglich der Anteil Fettsüchtiger in der Bevölkerung ist von 11,5 merklich auf 15,7 gestiegen. Ein Zuwachs, der sich dennoch in Grenzen hält. Möglicherweise hängt er damit zusammen, dass die Lebenserwartung steigt. Denn mit den Jahren legen die meisten Menschen ein paar Pfunde zu und rutschen so vielleicht in die nächsthöhere BMI-Kategorie.

Bei Kindern, die eingeschult werden, zeigt sich kein besorgniserregender Trend. Bei ihnen stagnieren Übergewicht und Fettleibigkeit oder sind sogar rückläufig, wie eine Auswertung der Schuleingangsuntersuchungen in den 16 Bundesländern ergab.

Bleibt noch die Frage, wie der Befund "jeder Zweite hat Übergewicht" zu deuten ist. Viele Medien veränderten die neutrale kurzerhand in eine normative Aussage: Jeder zweite Deutsche sei "zu dick". Aber dieser Befund ist zweifelhaft, weil seine Grundlage, nämlich die Einteilung des BMI, dubios ist. Seit Jahren wird heftig über sie debattiert, ihre Aussagekraft ist durch etliche wissenschaftliche Studien in Frage gestellt. Trotzdem halten einflussreiche Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation an ihr fest oder erwägen sogar eine Verschärfung, etwa für Asien.

Fett auf der Taille: Da sitzt das Risiko

Der BMI ist weitgehend schematisch in Fünferschritten eingeteilt. Ab "25" ist man übergewichtig, ab "30" fettsüchtig. Doch diese Kategorisierung ignoriert die großen Unterschiede im Körperbau ebenso wie die Zunahme des BMI im Verlauf des Lebens. Muskulöse und trainierte Sportler etwa sind schnell "übergewichtig", ein magerer Bewegungsmuffel dagegen hat Normalgewicht. Ein wesentlich genaueres Maß, um etwa das Risiko von Herzkrankheiten abzuschätzen, ist das Verhältnis von Taille zu Hüfte. Es berücksichtigt eine ungesunde Fettverteilung im Bauchbereich (Apfelform) und eine der Gesundheit zuträgliche im Bereich der Hüften (Birnenform).

Noch schwerwiegender sind jedoch zwei weitere Tatsachen. Aus Erhebungen mit Millionen von Teilnehmern weiß man inzwischen, dass das Sterberisiko in einem Bereich um einen BMI von 25 am niedrigsten ist (Berrington de Gonzalez et. al., 2010). Einige Untersuchungen kommen sogar zu dem Schluss, dass Menschen mit leichtem Übergewicht die besten Überlebenschancen und damit die höchste Lebenserwartung haben (Flegal et. al., 2013).

Am längsten leben Menschen mit leichtem Übergewicht

Mit ihrem kollektiven BMI von 25 haben sich die Deutschen also den für ihre Gesundheit besten Wert "ausgesucht" – nur 26 wäre womöglich noch besser. Eine substanzielle Zunahme der Gesundheitsrisiken zeichnet sich erst ab einem BMI von 30 ab. Menschen mit massiver Fettsucht haben häufig ebenso "dicke" Gesundheitsprobleme.

Ebenfalls wissenschaftlich gesichert ist das Fettsucht-Paradox. Damit bezeichnen Mediziner den rätselhaften Sachverhalt, dass Dicksein zwar das Risiko chronischer Krankheiten wie Herzleiden oder wie der Zuckerkrankheit Diabetes erhöht. Auf der anderen Seite haben Übergewichtige oder Fettleibige mit einer chronischen Krankheit, etwa verengten Herzkranzgefäßen oder Nierenleiden, oft bessere Überlebenschancen als Dünne. Wie mehrere Untersuchungen bei Herzkranken zeigten, haben Übergewichtige und sogar Fettleibige (mit Ausnahme der Superdicken) einen Überlebensvorteil gegenüber Normalgewichtigen.

Aus diesen Ergebnissen haben Mediziner den Schluss gezogen, dass es für das Überleben wichtiger sein kann, die körperliche Fitness zu steigern, statt nur auf die Pfunde zu starren. Schließlich sind es weitaus mehr Faktoren als nur der BMI, die für das körperliche Wohlergehen eine Rolle spielen. Alter, Geschlecht, genetische Ausstattung, sozialer Status und Gesundheitsverhalten dürften in den meisten Fällen gewichtiger sein als das Gewicht selbst.