Zu Beginn dieses Jahres, das nun zu Ende geht, schreckte mich Frank Schirrmacher mit einem Artikel in der FAZauf, der Das Armband der Neelie Kros hieß.

Die EU-Kommissarin hatte sich mit einem Armband gezeigt, in das ein Schrittzähler eingebaut war, und Schirrmacher sah mit seinem untrüglichen Blick für Details darin das Zeichen einer neuen Zeit.

Er holte seinen Habermas heraus und stellte dessen einstige Prognose vor, "es würde eine Gesellschaft heraufziehen, die Normen nicht mehr durch Sprache und Reflexion verinnerlicht: sie würden unmittelbar durch 'selbstregulierte Sub-Systeme des Mensch-Maschine-Typus' in den Menschen und die Gesellschaft integriert werden. Wem das zu abstrakt ist, der denke an das Armband der Neelie Kroes: Es wirkt normativ ohne langfristige Reflexion über Gesundheit, Effizienz oder Krankheit."

Seit einigen Wochen nun marschiere auch ich als Late Adopter mit so einem Armband herum. Grund genug, den Schirrmacher'schen Artikel noch einmal zu lesen und nachzudenken. Zum Beispiel darüber: Stimmt es, dass das Plastikteil auf außersprachliche Weise eine Norm in meinen Körper implantiert?

Davon kann keine Rede sein. Die Norm, nämlich dass ich einen bestimmten Body-Mass-Index erreichen sollte (welchen, das verrate ich nicht), existiert in meinem Kopf vollkommen unabhängig von dem Armband. Für sie sprechen gute medizinische Gründe, außerdem ein bestimmtes ästhetisches Empfinden. Dass ich die Norm über einen längeren Zeitraum hinweg nicht einhielt, hat gesundheitliche Ursachen; irgendwann aber war der Punkt erreicht, an dem ich mir zum Ziel setzen konnte, sie zu erfüllen.

Da kam das Armband gerade richtig. Es vibriert, wenn ich eine von mir definierte Schrittzahl erreicht habe. Ich bekomme eine SMS, wenn ich kurz vor dem Ziel bin (eine Funktion, die ich jederzeit abstellen kann). Bluetooth-Verbindungen bewirken, dass die Schrittzahl in Programme auf dem Smartphone und dem Notebook eingespeist wird. 

Kalorien zählen ohne Stift und Papier

Aus ihr und anderen Daten (Gewicht, Alter plus besondere Aktivitäten) werden verbrauchte Kalorien errechnet; ich kann – aber muss nicht – angeben, wie viele Kalorien ich zu mir genommen habe und was die Waage so sagt. Ich habe ein Gewichtsziel mit Datum angegeben und kann überprüfen, ob ich im Plan bin oder nicht. Da gibt es noch eine Menge Bugs und Ungenauigkeiten, aber die Norm, der ich folge, wird mir weder von der Hard- noch von der Software eingebläut.

Die Technik gibt mir nur ein Mittel, mein Ziel zu verfolgen. Angenommen, ich würde mit Bleistift und Papier Tabellen anfertigen, angefüllt mit Gewichts- und Blutdruckwerten, BMI-Formeln und was nicht alles – wo wäre da der Unterschied?

Er wäre dann gewaltig, wenn meine Krankenversicherung über diese Daten verfügte und meine Prämie entsprechend verändern könnte. So etwas ist ja derzeit in der Diskussion.

Es gibt Argumente, die dafür sprechen. Etwa, dass auf diese Weise ein Anreiz geschaffen wäre, sich mehr um die eigene Gesundheit zu kümmern, ähnlich wie im Fall der vorsorglichen Zahnarztbesuche, die protokolliert werden und deren Anzahl Vor- oder Nachteile verschafft. Wer diesem Anreiz folgt, lädt außerdem seine Nachlässigkeit nicht auf der Versichertengemeinschaft ab. Zwei Argumente, die vernünftig klingen.

Das Gegenargument ist, obgleich stärker, schwerer zu verstehen. Es lautet so: Versicherungssysteme existieren nur deswegen, weil Informationen fehlen. Nehmen wir einmal an, es sei vollständige Kenntnis der Welt zu einem Zeitpunkt t0 möglich und daher auch zum Zeitpunkt tn (zwei Annahmen übrigens, die im Widerspruch zum heutigen Stand der Physik stehen), dann müsste nichts versichert werden; stattdessen würde jeder auf den vorhergesagten Schadensfall sparen – oder eben verzweifeln. Es gäbe keine Risiken, nur Gewissheiten.

Nun sind aber viele gesellschaftliche Verhältnisse Risikogemeinschaften, Familien beispielsweise, und erst recht die Versicherungen. Sie bieten nicht nur den Vorteil, dass sie Unvorhergesehenes abdecken, sondern auch den, dass sie eine befriedende Funktion erfüllen. Sie halten die Gesellschaft zusammen.

Dieses Gegenargument hat eine begrenzte Reichweite. Mit ihm ließe sich ja auch begründen, die Versichertengemeinschaft unbekümmert mit Risiken zu belasten, anstatt diese zu verringern. Mit anderen Worten: Es ist mal wieder eine Frage des Maßes. Und das hängt doch sehr stark von der gesellschaftlichen Stimmung ab. Wer sich, beispielsweise, nicht im Auto anschnallt, kassiert nichts von der Unfallversicherung: gut. Wer zum Zahnarzt geht, erhält Kassenpunkte: auch okay. Wer Risikosportarten betreibt, zahlt mehr: einverstanden.

Und wie soll das nun mit dem Armband sein?

An dieser Stelle bringe ich einen Klassiker in Stellung: die schiefe Ebene. Wohin mag es noch führen, wenn die Versicherung automatisierten Zugriff auf meinen Körper haben darf? Zu Nikotinsensoren oder Alkoholmessgeräten, beispielsweise, vernetzten Magensonden, Dehnungsmessstreifen an Muskeln? Außerdem: Wo landen die Daten womöglich noch überall, wer könnte sie zu unlauteren Zwecken nutzen?

Und wann könnte es dann so weit sein, dass Arbeitgeber Anspruch auf sie erheben? Firmen könnten immerhin ins Feld führen, dass sie nicht das Risiko eingehen wollten, ungeeignete Bewerber einzustellen. Verständlich, nur muss man die Dinge zu Ende denken. Wenn Big Data dazu führen würde, dass jedermanns Schicksal von vornherein festgeschrieben wäre, dann gerieten wir in eine Gesellschaft vorgezeichneter Schicksale und unübersteigbarer Klassenschranken, in eine fatalistische Sozialwelt ohne Glücksfälle.

Und daher: nein, lieber frühzeitig die Grenze ziehen. Mein Armband ist schon prima, aber ich denke nicht daran, seine Daten mit anderen zu teilen – jedenfalls nicht mit meiner Zustimmung.