Als ich am Morgen des 5. November erwachte, befand ich mich auf dem Mars. Ich lag auf einem Holzbrett, gepolstert von einer Isomatte. Der enge Raum bot gerade genug Platz für meine beiden Gepäckstücke, einen Hängeschrank und ein kleines Brett, das als Tisch diente. Kurz nach 7.30 Uhr ging ich nach nebenan, in die Küche. Die Hälfte der Besatzung saß schon verschlafen am Tisch und frühstückte. Es gab Müsli, zubereitet mit Trockenmilch und rehydrierten Früchten.

Ein Blick aus dem Fenster und ich wusste, dass unser erster Tag in der roten Wüste von kühlem, aber sonnigem Wetter begleitet sein würde. Natürlich befanden wir uns nicht wirklich auf einem anderen Planeten, sondern in der Wüste von Utah, in den Vereinigten Staaten. Dort betreibt die Mars Society die Mars Desert Research Station, eine Forschungsstation, auf der wir zwei Wochen lang so lebten, als seien wir auf dem Mars. Für uns war es ein Testlauf, denn das eigentliche Abenteuer steht noch bevor.

Ich gehöre zu einem von drei Teams, die aus über 200 Bewerbern aus der ganzen Welt ausgewählt worden sind, darunter Geologen, Biologen und Ingenieure, aber auch Bergsteiger und Arktisfans. Unser Ziel: ein ganzes Jahr auf einer Marsstation zu verbringen, die auf einer unbewohnten Insel in der kanadischen Arktis betrieben wird. Die großangelegte Simulation mit dem Namen "Mars Arctic 365" versucht, so realistisch wie möglich die Bedingungen nachzubilden, die zukünftige Kolonisten auf dem Mars antreffen werden. Die zwei Wochen in der Wüste von Utah waren Teil des Auswahlverfahrens dafür. Im kommenden Februar wird entschieden, wer bald ein Jahr in einem der kältesten, trockensten und einsamsten Gebiete der Erde verbringen darf.

Durch die zwei Wochen in der Wüste wurde unser sechsköpfiges Team eng zusammengeschweißt. Geleitet wurde es von unserem britischen Kommandanten, der zum Lesen immer ein Monokel benutzte. Außerdem gehörte unser kanadischer Sicherheitschef dazu, der uns wie seine eigenen Kinder behütete, unsere Gewächshausgärtnerin aus Montana, die aus unseren gefriergetrockneten Vorräten die herrlichsten Gerichte zauberte, ein italienischer Journalist, der immer zuletzt am Frühstückstisch erschien, und ein französischer Biologe, der mit Mühe seine Experimente an Radieschen gegen die anderen verteidigte. Ich selbst war Stellvertreterin des Kommandanten und Teamingenieurin. Ich kümmerte mich um zerrissene Headset-Kabel und den Füllstand unserer Wassertanks. 

Unser Zuhause war ein weißer Zylinder. Wir nannten ihn Hab, eine Abkürzung für "Habitat". Im unteren Teil befanden sich verschiedene rudimentäre Labore, unsere Arbeitsutensilien, die Toilette und ein Duschraum. Über eine steile Treppe ging es in den oberen Teil mit den Schlafräumen und der Küche, die zugleich der Aufenthaltsraum war. 

Unser Hab verließen wir nur, um wissenschaftliche Arbeiten durchzuführen. Dazu teilten wir uns in zwei Gruppen: Mindestens zwei Teammitglieder blieben im Hab, die übrigen – auch mindestens zwei, niemand durfte alleine raus – zogen sich improvisierte Raumanzüge an. Wir verwendeten Helme, die über einen Rucksack mit Luft versorgt wurden, schließlich enthält die Marsatmosphäre keinen Sauerstoff. Mit Hilfe von Walkie-Talkies konnten wir miteinander sprechen und Kontakt mit der Station halten. In regelmäßigen Abständen gaben wir unsere aktuelle Position an die Daheimgebliebenen durch. An vorher vereinbarten Orten erledigten wir dann unsere eigentlichen Arbeiten.

Unser Biologe sammelte beispielsweise Gestein, um darin nach widerstandsfähigen Bakterien zu suchen, die auf dem Mars überleben könnten. Unser Journalist übte, mit dicken Handschuhen eine Drohne zu steuern, um später in der Arktis Luftaufnahmen damit zu machen. So sollen geeignete Stellen für Gesteinsproben und sich nähernde Eisbären entdeckt werden. Ich selbst prüfte, ob der Raumanzug es erlaubt, Messungen in Permafrost durchzuführen.

Solche Versuche gehören zu den entscheidenden Vorarbeiten für eine eventuelle Marsbesiedelung. Denn eines nicht mehr so fernen Tages sollen Menschen nicht nur in einer Simulationsstation überleben, sondern auf dem echten Mars.