Legaler Joint in Barcelona: In Spanien darf Marihuana in speziellen Clubs geraucht werden. Kiffer müssen über 21 sein. © David Ramos/Getty Images

Tierversuche können nur bedingt simulieren, was im Kopf eines Menschen abläuft. Trotzdem lassen sich auf diesem Weg die Grundlagen mancher Prozesse verstehen. Zum Beispiel, welche Gehirnzellen feuern, während jemand vom Kiffen Heißhunger bekommt.

Dass Cannabis den Appetit anregt, ist bekannt. Aber was dabei genau passiert, war bislang fraglich. Ein Forscher-Team aus Yale hat sich den Heißhunger-Effekt nun in Versuchen an Mäusen angeschaut, mit überraschendem Ergebnis: Ausgerechnet Gehirnzellen, die sonst dafür sorgen, dass eine Maus nach dem Fressen nicht gleich wieder Hunger bekommt, sorgen für Fressattacken, wenn Cannabis im Spiel ist(Koch et al., 2015). Ihre Entdeckung präsentieren der Leipziger Forscher Marco Koch, Tamas Hovarth und ihr Team von der Yale-Universität in Connecticut diese Woche im Magazin Nature.

Die POMC-Zellen, um die es geht, sitzen im Hypothalamus und werden normalerweise nach dem Essen aktiv. Sie senden dann bestimmte Botenstoffe aus, die den Hunger unterdrücken, solange eine Maus oder ein Mensch satt ist.

Beat Lutz, Physiologe aus einer Arbeitsgruppe, die in Mainz ähnliche Experimente macht, erklärt das so: "Die POMC-Neuronen stellen eine Art Schalter dar. Wenn er aktiviert ist, ist das Signal auf "Nicht-Essen" gestellt." Das THC (Tetrahydrocannabinol), der berauschende Stoff aus der Cannabis-Pflanze, würde diesen Schalter zwar nicht umlegen, aber ihn kaputt machen.

Das Paradoxe in den neuen Mäuse-Versuchen von Koch und Horvath war nämlich: Die Cannabinoide unterdrückten nicht etwa die Aktivität der Appetit-Zügler-Zellen, sondern befeuerten sie noch. Die Mäuse hätten also eigentlich unter Drogeneinfluss weniger Appetit haben sollen, bekamen aber trotzdem Heißhunger-Attacken. Das liegt nach Ansicht der Autoren daran, dass das THC die POMC-Zellen dramatisch stört. Plötzlich senden sie das Signal "Essen" statt "Nicht-Essen" aus.

Kiffer sind nicht dicker

Aber gilt für Menschen dasselbe wie für Mäuse? Ja, meinen die Forscher. "Die Maschinerie im Hypothalamus, die Hunger und Appetit reguliert, funktioniert im Prinzip bei Säugetieren und den meisten Fischen identisch", sagte Co-Autor Tamas Horvath ZEIT ONLINE.

Dass Menschen, die kiffen, davon kurzfristig Hunger bekommen, wusste man schon vor dieser neuen Studie. Medikamente auf Cannabis-Basis etwa werden schon heute eingesetzt, um den Appetit von Krebs- oder Aids-Patienten anzuregen.

Allerdings kommt es auf die Dosis an. Nur kleine Mengen an Cannabinoiden erzielen den Effekt. Ist die THC-Konzentration im Blut zu hoch, laufen die Signale im Gehirn wieder anders ab und es kommt nicht zum Heißhunger. Diese sehr unterschiedliche Wirkung von Cannabis je nach Dosis hat man am Beispiel der Angst bereits belegen können: Geringe Mengen THC wirken beruhigend, höhere können Angstattacken auslösen (Ruehle et al. 2012).

Spezielle Rezeptoren ermöglichen es dem THC direkt auf das Hungergefühl einzuwirken. Einer davon ist der Cannabis-Rezeptor 1 (CB1R). Dort docken im Gehirn normalerweise körpereigene Botenstoffe an – schmerzlindernde Cannabinoide zum Beispiel, die im Moment von Verletzungen ausgeschüttet werden. Diese Rezeptoren steuern einen komplexen Haushalt aus appetitanregenden und -hemmenden Hormonen. In diesen greift das THC ein, wenn es etwa über den Rauch eines Joints in die Blutbahn und somit ins Gehirn gelangt. Hinzu kommt, dass die Rauschmittel aus der Cannabis-Pflanze das Belohnungszentrum des Gehirns anregen: Entsprechend toll riecht und schmeckt das Essen im Rauschzustand.

Trotzdem sind Marihuana- und Haschisch-Raucher im Durchschnitt nicht dicker als Leute, die nie kiffen. Sie neigen sogar seltener zu Übergewicht als Nicht-Kiffer, wie Studien gezeigt haben (Le Strat & Le Folle, 2011). Ob und wie Cannabis-Wirkstoffe Gewicht direkt reduzieren, ist nicht bekannt. Kiffen statt Fasten ist also keine Lösung, um abzunehmen.