Was war das für eine Sensation: Im März 2014 wollten Astrophysiker mit dem Bicep2-Teleskop Gravitationswellen aus der ersten Sekunde nach dem Urknall nachgewiesen haben, den Geburtsschrei des Universums. Endlich sollte die Menschheit erfahren können, wie alles begann. Der Fund wurde lautstark verkündet, in den Schlagzeilen aufgegriffen und weltweit als eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen gefeiert – zu Unrecht, wie jetzt neue Analysen zeigen. 

Damit steht Clement Pryke, Bicep-Forscher und Physiker an der Universität von Minnesota vor der größten Enttäuschung seines Forscherlebens: "Wir sind auch nur Menschen. Das ist offensichtlich nicht das gewünschte Ergebnis", sagte er der Washington Post.

Pryke hat rund ein Jahr mit dem hoch spezialisierten Wärmeteleskop am Südpol die Mikrowellenstrahlung ins Visier genommen. Gemeinsam mit seinen Kollegen hatte er auffällige, wirbelartige Muster in der Polarisation der kosmischen Hintergrundstrahlung beobachtet. Die Schlussfolgerung: Es handelt sich um Gravitationswellen, die kurz nach dem Urknall vor rund 14 Milliarden Jahren entstanden sein sollen. So besagt die Inflationstheorie, dass sich das All in seiner ersten Sekunde gewaltig aufblähte und die Wellen aussendete. Es wäre eine nobelpreiswürdige Entdeckung gewesen.

Früh zweifelten Fachkollegen die Bicep2-Ergebnisse an

Doch erste Zweifel waren schon kurz nach der Bekanntgabe zu hören. Haben die Forscher mögliche Störeffekte nicht ausreichend einkalkuliert? Haben die Wissenschaftler um den Leiter des Experiments John Kovac mit ihrem Teleskop nicht Laute des Urknalls, sondern bloß Störsignale kosmischen Staubs eingefangen? So wurde eine Karte des Planck-Satelliten, mit der das Bicep2-Team die Staubverteilung im Kosmos abschätzte, einfach abfotografiert, weil die Rohdaten noch nicht freigegeben waren.

Das Staubsignal kommt von der Milchstraße. So sei es wichtig, zunächst die Polarisation dieser Strahlung zu messen, um das Gravitationswellensignal in der kosmischen Hintergrundstrahlung zu sehen, erklärt Jochen Weller von der Universitätssternwarte in München. Dies sei dem Bicep2-Team durchaus gelungen, doch: "Um das Signal richtig zu verstehen, ist es notwendig, es bei verschiedenen Frequenzen zu vermessen." Die Forscher aber haben nur mit einer Frequenz gearbeitet und deshalb theoretische Modelle über die Staubpolarisation verwendet – sie hatten gar nicht die Möglichkeit, verschiedene Komponenten herauszufiltern.

Planck hingegen kann genau das. Der Satellit ist 2009 gestartet und beobachtet die Tiefen des Alls mit neun verschiedenen Frequenzen, sieben davon sind polarisationsempfindlich. Dementsprechend gespannt wurden die Analysen des Planck-Satelliten erwartet. Ende September 2014 waren recht unauffällig erste Ergebnisse veröffentlicht worden. Sie ließen jedoch bereits Übles erahnen (The Planck Collaboration, 2015). "Das Team hat allerdings darauf geachtet, den wissenschaftlichen Prozess und die konkurrierenden Kollegen nicht durch einen zu frühen Schritt an die Öffentlichkeit zu beschädigen", sagt Teilchenphysiker Thomas Naumann vom Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Zeuthen.

Nun hat der europäische Satellit die Daten geliefert, mit ernüchterndem Ergebnis: Das gesamte Signal scheint von Staub zu stammen. Der vermeintliche Nachweis von Gravitationswellen sei nach Abgleich der Daten "nicht länger haltbar", sagt Jean-Loup Puget, Leiter des Planck-Teams, in einer Pressemitteilung der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Planck habe gezeigt, dass die Verunreinigung viel größer sein könnte, als vom Bisep2-Team angenommen und das gemessene Signal deswegen nicht von Gravitationswellen stammt. Angesichts der neuen Erkenntnisse habe man die Interpretation des Signals überdenken müssen, räumt auch Pryke ein.